Recht haben reicht nicht
Ihr Lieben,
manche Menschen können sehr genau sagen, was richtig ist.
Was die Bibel sagt.
Was man darf. Was man nicht darf.
Wo die Grenze ist. Wo Wahrheit beginnt.
Und wo jemand ihrer Meinung nach falsch liegt.
Und vielleicht stimmt manches davon sogar.
Aber ich frage mich: Was nützt ein richtiger Satz, wenn er einen Menschen am Ende nur kleiner macht? Was nützt Wahrheit, wenn sie klingt wie eine Tür, die ins Schloss fällt?
Manchmal erzählen wir anderen sehr schnell, was richtig ist.
Aber wir fragen selten, wer da eigentlich vor uns steht.
Nicht, weil Wahrheit davon abhängt.
Sondern weil Liebe nicht an einem Menschen vorbeiredet.
Es ändert vielleicht nichts daran, was ich für wahr halte.
Aber es ändert etwas daran, wie ich rede.
Ob ich treffe oder verletze.
Ob ich aufrichte oder beschäme.
Ob ich einen Menschen sehe oder nur meinen Standpunkt verteidige.
Wir halten eine Antwort in der Hand, bevor wir überhaupt zugehört haben.
Und vielleicht ist genau das gefährlich.
Nicht, weil Wahrheit unwichtig ist.
Sondern weil Wahrheit ohne Liebe schnell nur noch Recht behalten will.
Denn Recht haben kann sich sehr gut anfühlen.
Es gibt Sicherheit. Ordnung.
Ein klares Oben und Unten.
Richtig und falsch.
Drinnen und draußen.
Ich merke das auch bei mir.
Als ich letztes Jahr meine Webseite neu aufgebaut habe, bin ich durch alte Texte gegangen.
Und bei manchen Sätzen dachte ich:
Puh.
Das würde ich heute so nicht mehr schreiben.
Nicht, weil ich jetzt alles verstanden hätte.
Nicht, weil ich fertig wäre.
Nicht, weil ich moralisch über irgendwem stehe.
Sondern weil ich merke:
Ich war auch schnell mit Worten.
Auch sicher.
Auch überzeugt.
Auch manchmal zu hart.
Und vielleicht werde ich in ein paar Jahren wieder Texte von heute lesen und denken:
Mandy, da war noch Luft nach oben.
Vielleicht ist das so, wenn man unterwegs bleibt.
Man lernt.
Man erschrickt über sich selbst.
Man korrigiert sich.
Und hoffentlich wird das Herz dabei nicht enger, sondern weiter. ❤️
Paulus schreibt: „Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“ – 1. Korinther 13,2
Alle Erkenntnis.
Alle richtigen Sätze.
Alle geistliche Klarheit.
Und trotzdem: nichts.
Wenn die Liebe fehlt.
Das trifft mich.
Weil es zeigt: Selbst Wahrheit kann lieblos werden, wenn sie nur noch gewinnen will.
Wenn sie nicht mehr dient.
Nicht mehr heilt.
Nicht mehr hört.
Nicht mehr sieht, wer vor ihr steht.
Vielleicht braucht unsere Welt nicht noch mehr Menschen, die anderen erklären, wo sie falsch sind.
Vielleicht braucht sie Menschen, die ehrlich bleiben.
Auch mit sich selbst.
Menschen, die eine Überzeugung haben, aber kein Messer daraus machen.
Menschen, die zuhören, bevor sie sortieren.
Menschen, die nicht nur fragen: Was ist richtig?
Sondern auch:
Was mache ich gerade mit diesem Menschen?
Denn manchmal ist nicht der Satz falsch.
Sondern das, was er anrichtet.
Ohne Liebe kann sogar Wahrheit kalt werden.
Und ich glaube, Jesus klang nie kalt.
Darauf will ich achten.
Gerade dann, wenn ich mir sicher bin.
Mandy
