Die Angst, Gott verloren zu haben

Es gibt Bibelstellen, die trösten. Und es gibt Bibelstellen, die einem erst einmal Angst machen.

Eine davon steht im Markusevangelium.

Jesus sagt: „Alle Sünden und Lästerungen können den Menschen vergeben werden; wer aber den Heiligen Geist lästert, findet in Ewigkeit keine Vergebung.“Markus 3,28–29


Uff. Ganz schöner Klopper, oder?

Keine Vergebung.

Nicht jetzt. Nicht irgendwann.

Ich frag mal so: Was muss ein Mensch tun, damit Gott ihm nicht mehr vergibt?

Reicht ein falscher Gedanke? Ein blöder Satz? Ein wütender Moment?
Kann ich Gottes Gnade verlieren, ohne es überhaupt zu merken?
Einmal eine unsichtbare Grenze übertreten – und Pech gehabt?

Ich kenne Gedanken, die alles andere als fromm sind.

Ich kenne Wut auf Gott.

Enttäuschung. Zweifel.
Diese innere Härte, die manchmal entsteht, wenn ich lange gebetet habe und scheinbar nichts passiert.

Wenn ich Gott nicht verstehe. Wenn ich mich frage, ob er wirklich gut ist.

Und dann lese ich diesen Satz und denke: War ich vielleicht schon zu weit? Habe ich diese unsichtbare Grenze vielleicht längst überschritten?


Aber Jesus sagt diese Worte nicht zu Menschen, die zweifeln.

Nicht zu Menschen, die Angst haben. Nicht zu Menschen, die mit Gott ringen oder ihm ihre Enttäuschung entgegenschreien. Der Zusammenhang ist ein anderer.

Menschen erleben, wie Jesus anderen hilft und sie aufrichtet. Sie sehen, dass etwas Gutes geschieht.

Und trotzdem erklären einige dieses Gute für böse.

Sie wollen nicht anerkennen, dass Gottes Geist durch Jesus wirkt.

Genau in diesem Zusammenhang spricht Jesus von der Lästerung gegen den Heiligen Geist.

Darum scheint mir dieses Lästern kein Ausrutscher zu sein. Kein falscher Satz.
Kein Moment, in dem ein Mensch die Kontrolle verliert.

Eher eine Haltung.

Ein Herz, das sich immer weiter verschließt.
Das Licht sieht und trotzdem Dunkelheit nennt.

Das erlebt, wie Menschen aufgerichtet werden, und dieses Gute dennoch zurückweist.

Nicht, weil Gott nicht vergeben möchte.

Sondern weil Gnade sich nicht mit Gewalt aufdrängt.

Vielleicht liegt darin das Erschreckende dieser Bibelstelle.

Nicht darin, dass Gott irgendwann sagt: Jetzt reichts mir mit Dir.
Sondern darin, dass ein Mensch so lange Nein sagen kann, bis er selbst kein Ja mehr hören will.


Ich glaube, so etwas geschieht selten plötzlich.

Es beginnt leise.

Mit Enttäuschungen. Mit Verletzungen.
Mit dem Gefühl, dass Hoffnung nur wieder wehtun wird.

Also wird das Herz vorsichtiger.

Härter.

Es schützt sich.

Und das ist nicht automatisch Ablehnung.

Manchmal ist Härte erst einmal ein Schutz, weil ein Mensch zu oft verletzt wurde.

Aber was einmal Schutz war, kann irgendwann zur Mauer werden.

Dann wirkt selbst eine ausgestreckte Hand verdächtig.

Freundlichkeit wie eine Falle.

Vergebung wie etwas, das vielleicht für andere gilt – aber nicht für mich.


Vielleicht ist das die Tragik: Nicht, dass keine Tür mehr offen wäre.
Sondern dass ein Mensch irgendwann nicht mehr glaubt, dass hinter ihr noch etwas auf ihn wartet.

Das macht diese Bibelstelle für mich nicht harmlos.

Aber sie nimmt mir eine andere Angst.

Denn wer sich fragt, ob er Gott verloren hat, sucht ihn noch.

Wer sich nach Vergebung sehnt, hat sich der Gnade nicht vollständig verschlossen.
Wer ringt, ist noch im Gespräch.

Die Psalmen sind voll von Menschen, die Gott nicht vorsichtig behandeln.

Sie fragen, warum er schweigt.
Warum er nicht hilft.
Warum er sich verborgen hält.

Sie klagen. Sie zweifeln. Sie werden wütend.

Aber sie reden noch mit ihm.

Vielleicht ist genau das der Unterschied.

Der Zweifel sucht noch. Die Klage ruft noch.
Die Wut wartet noch auf eine Antwort.

Muss ich also Angst haben, Gottes Gnade aus Versehen zu verlieren?

Ich glaub nicht.

Gottes Gnade zerbricht nicht an einem falschen Wort.
Nicht an einem wütenden Gebet.
Nicht an einem Gedanken, für den ich mich schäme.


Aber irgendwie stellt mir das ganze trotzdem eine Frage: Bin ich noch bereit, mich berühren zu lassen?

Kann ich das Gute noch gut nennen? Kann ich Vergebung annehmen?

Auch für mich selbst?

Vielleicht ist die gefährlichste Entfernung von Gott nicht die Wut.

Nicht der Zweifel. Nicht einmal der Protest.

Vielleicht beginnt sie dort, wo ich gar nichts mehr hören will.

Doch solange ich noch frage, solange ich noch hoffe, solange ich noch ringe, ist die Tür nicht zu.

Gnade findet ihren Weg …

Mandy