Das Leben der Anderen
Ich glaube an Gott.
Und wenn ich glaube, dass dieser Glaube etwas mit Leben und Tod zu tun hat, dann kann mir doch nicht egal sein, ob ein anderer Mensch glaubt oder nicht.
Genau da beginnt die Spannung.
Denn aus Sorge kann schnell Angst werden.
Die Angst, dass ein Mensch auf ewig verloren sein könnte.
Und plötzlich stehe ich auf der Seite der Wissenden.
Ich habe verstanden.
Ich kenne die Wahrheit.
Und der andere?
Der hat es noch nicht begriffen.
Vielleicht bemitleide ich ihn.
Vielleicht versuche ich, ihn zu überzeugen.
Vielleicht verurteile ich ihn sogar.
Und selbst wenn ich all das nicht offen ausspreche, spürt mein Gegenüber womöglich trotzdem, was zwischen uns steht:
Du bist noch nicht da, wo ich bin.
Du hast noch nicht erkannt, was ich erkannt habe.
Deine Antwort zählt für mich eigentlich nicht als Antwort.
Sie ist nur ein Irrtum.
Ein Umweg.
Ein Zwischenstand.
Ich kann verstehen, warum Menschen so empfinden.
Wenn ich wirklich glaube, dass es um alles geht, dann fühlt sich Zurückhaltung vielleicht sogar lieblos an.
Dann denke ich:
Ich muss doch etwas tun.
Ich muss deutlicher reden.
Mehr beten.
Mehr erklären.
Vielleicht liegt es an mir, wenn dieser Mensch nicht glaubt.
In Markus 10,17–22 kommt ein Mann zu Jesus.
Er läuft auf ihn zu, fällt vor ihm auf die Knie und fragt, was er tun müsse, um das ewige Leben zu bekommen.
Eigentlich klingt das nach dem perfekten Interessenten.
Da sucht jemand.
Da fragt jemand nach dem ewigen Leben.
Da müsste Jesus doch nur noch die richtigen Worte finden, damit dieser Mann am Ende mit „im Club“ ist.
Jesus spricht mit ihm über die Gebote. Über das Leben. Über das, was der Mann längst kennt.
Der antwortet, dass er all das schon seit seiner Jugend eingehalten habe.
Und dann steht dort ein Satz, den ich leicht überlese: „Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb.“
Noch bevor der Mann sich entscheidet.
Noch bevor klar ist, ob er Jesus folgen wird.
Noch bevor er tut, was Jesus ihm gleich sagt.
Jesus liebt ihn nicht erst für die richtige Antwort.
Dann berührt Jesus genau den Punkt, an dem es für diesen Mann schwierig wird.
Er soll seinen Besitz loslassen, das Geld den Armen geben und Jesus folgen.
Der Mann wird traurig.
Und er geht.
Denn er besitzt sehr viel.
Und Jesus?
Er läuft ihm nicht hinterher.
Er macht seine Worte nicht kleiner, nur damit der Mann bleibt.
Aber er ruft ihm auch keine Drohung hinterher.
Er beschimpft ihn nicht.
Er erklärt ihn nicht zum hoffnungslosen Fall.
Der Mann geht.
Und der Satz bleibt trotzdem stehen:
Jesus sah ihn an und liebte ihn.
Vielleicht berührt mich genau das.
Jesus weiß, dass dieser Mann eine andere Entscheidung trifft, als er sich wünscht.
Und trotzdem wird aus ihm kein Projekt.
Sein Weggehen löscht die Liebe nicht aus.
Ich weiß nicht, wie seine Geschichte weiterging.
Vielleicht kam er später zurück.
Vielleicht nicht.
Die Bibel erzählt es nicht.
Und vielleicht muss auch ich manchmal aushalten, dass ich nicht weiß, wie die Geschichte eines anderen Menschen weitergeht.
Wie soll ich einen Menschen freilassen, wenn ich glaube, dass seine Freiheit ihn in die falsche Richtung führt?
Vielleicht beginnt Vertrauen genau dort.
Nicht darin, dass mir der andere egal wird.
Nicht darin, dass ich aufhöre zu hoffen, zu beten oder von meinem Glauben zu erzählen.
Sondern darin, dass ich anerkenne:
Ich weiß nicht, was zwischen Gott und einem Menschen geschieht.
Ich kenne nicht seine ganze Geschichte.
Nicht seine Verletzungen.
Nicht seine Fragen.
Nicht das, was er einmal versucht hat zu glauben und irgendwann nicht mehr konnte.
Vielleicht besteht Glaube nicht darin, über das Ende eines anderen Menschen Bescheid zu wissen.
Vielleicht besteht Glaube auch darin, Gott einen Menschen anzuvertrauen, ohne mich selbst zu seiner Kontrollinstanz zu machen.
Ich möchte Menschen nicht lieben, als wären sie unfertige Christen.
Nicht bemitleiden.
Nicht innerlich auf sie herabsehen.
Nicht gleichgültig werden.
Aber aufhören, Menschen zu Projekten zu machen.
Vielleicht zeigt sich Vertrauen gerade darin, dass ich Gott nicht nur mein eigenes Leben anvertraue – sondern auch das Leben der anderen.
Segenregen, schönes Wochenende!
Mandy

24. Juli 2026 @ 6:06
Dein Text heute hat mich sehr berührt. Danke für Deine tägliche Bereitschaft
Gott auf diese Weise zu dienen.
Ich höre mir das morgens seit Jahren an.
Wie oft hört man Predigen o.ä. und denkt wünscht sich dass es der Partner/Kind
oder wer auch immer hört….
Das haben wir aber nicht im Griff. Wir können nichts kontrollieren.
Die einzige Möglichkeit für uns ist zu beten und Jesus bitten die Herzen weich und
für sein Wort offen zu machen.
Ich wünsche Dir Gottes überfließenden Segen
24. Juli 2026 @ 9:59
Ich möchte Dir (nur) beipflichten…. Nicht mehr… Und nicht weniger…
24. Juli 2026 @ 10:16
Liebe Mandy,
danke für deine liebevolle Antwort auf meine Frage von gestern.
Ich lese deine Impulse schon seit einer Weile sehr gern. Wenn sich aus einer Frage ein richtiger Dialog mit verschiedenen Menschen ergibt, ist das sehr wertvoll, auch wenn es unterschiedliche Meinungen gibt.
Dein Impuls von heute greift das Thema nochmal wunderbar auf und erinnert mich daran, öfter für die Menschen zu beten, die mir am Herzen liegen.
Ich wünsche dir und der Community ein gesegnetes Wochenende 🧡.
24. Juli 2026 @ 13:54
Liebe Mandy,
danke für deine guten Gedanken zu unseren ungläubigen Mitmenschen. Gerade dann, wenn es die eigenen Kinder, Enkel oder Eltern sind, wünscht man sich so sehr, dass auch sie Jesu Heil erfahren.
Hast du dir schon mal Gedanken über die christliche Einordnung des Themas Leihmutterschaft gemacht? Gerade im Hinblick auf homosexuelle Paare, die gerne eigene Kinder hätten. Bei lesbischen Paaren ginge es dabei wohl eher um die Samenspende.
25. Juli 2026 @ 15:07
Liebe Mandy,
ich finde es schön, wie Du beschreibst, worauf es in der guten Nachricht von Jesus eigentlich ankommt:
Dass er uns liebt und annimmt, wie wir sind. Diese starke, allumfassende Liebe ist es, die uns Menschen zu ihm zieht.
Ich glaube, er will auch durch uns die Menschen lieben. Und dann ergibt sich hin und wieder auch ein Gespräch über den Glauben.
29. Juli 2026 @ 14:56
Hallo Renee,
Ja, Gott liebt uns, wie wir sind.
Das gilt für alle Menschen, auch (und ganz besonders) für mich.
Aber möchte Jesus Christus nicht auch, das wir uns ändern?
Warum sonst ist da immer wieder der Ruf zur Nachfolge Christi zu lesen, wenn die weitere Richtung doch keine Rolle mehr spielt, weil Jesus uns ja unsere Sünden ohnehin vergibt?
Ja, Gespräche über den Anfang des Glaubens sind sehr, sehr wichtig.
Doch dabei stehen zu bleiben, halte ich für falsch. Ein Beispiel: Ein Baby wird zunächst gesäugt, später gibt es Milchbrei.
Doch die Sache ist, das du heute sehr wahrscheinlich keinen Milchbrei mehr isst, weil du zu alt dafür bist.
Auch mit dem geistlichen Wachstum ist es ähnlich.
Das lässt so manches in einem anderen Licht erscheinen.
Gottes reichen Segen wünsche ich dir.
29. Juli 2026 @ 15:33
Hallo Günter, ich glaube, Du widersprichst hier gerade etwas, das Renée gar nicht geschrieben hat. 😉 Sie sagt ja nicht, dass Nachfolge, Entwicklung oder Veränderung unwichtig wären. Sie schreibt davon, dass Jesu Liebe Menschen zu ihm zieht. Und vielleicht ist genau diese Liebe überhaupt erst der Boden, auf dem Veränderung wachsen kann.
27. Juli 2026 @ 8:54
Danke für deine Worte.
Ich versuche grade meinen Erwachsenen Sohn loszulassen/freizulassen damit er sein Leben leben kann. In Liebe loslassen ❤️