Der christliche Stempel

C h r i s t l i c h.
U n c h r i s t l i c h.

B i b l i s c h.
U n b i b l i s c h.

Manchmal benutzen wir diese Wörter, als hätten wir einen Stempel in der Hand.

Einmal kurz prüfen.
Draufdrücken.
Fall erledigt.

Dieser Lebensentwurf: unbiblisch.
Jenes Verhalten: unchristlich.
Dieser Mensch: auf dem falschen Weg.

Ich merke, dass ich diese Begriffe nicht besonders mag.

Nicht, weil ich glaube, dass sowieso alles richtig ist.
Oder weil die Bibel nichts zu sagen hätte.

Aber weil Menschen keine Karteikarten sind.

Wir kennen ihre Geschichte nicht.
Nicht ihre Verletzungen.
Nicht die Nächte, in denen sie mit Gott gerungen haben.
Nicht die Gründe für ihre Entscheidungen.

Und selbst bei der Bibel ist es oft nicht so einfach, wie wir gern tun.

Wir lesen.
Wir deuten.
Wir gewichten.

Und manchmal kommen Menschen, die dieselbe Bibel lesen, zu ziemlich unterschiedlichen Antworten.

„Unbiblisch“ klingt dann schnell, als hätte Gott selbst das Urteil gesprochen.

Dabei war es vielleicht erst einmal nur ich.

Meine Auslegung.
Meine Prägung.
Meine Grenze.

Jesus konnte sehr klar sein.

Aber auffällig oft war er besonders klar gegenüber denen, die genau zu wissen glaubten, wer richtig und wer falsch war.

Als er mit Menschen am Tisch saß, die längst ihren Stempel bekommen hatten, wurde er dafür kritisiert.

Seine Antwort:

„Geht aber hin und lernt, was das heißt: ›Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.‹“
Matthäus 9,13 – Lutherbibel 2017

Geht hin und lernt.

Vielleicht ist das der entscheidende Satz.

Selbst die, die ihre Bibel kannten, waren offenbar noch nicht fertig mit dem Verstehen.

Vielleicht sind wir es auch nicht.

Viele Leser bezeichnen unendlichgeliebt.de und das SeelenFutter als „christlich“.

Ich selbst tue das nie.

Nicht, weil ich meinen Glauben verstecken möchte.
Der steckt hier überall drin.

In meinen Fragen.
In meiner Hoffnung.
In den Geschichten der Bibel, an denen ich mich festhalte und manchmal auch reibe.

Aber ich bin keine, die die Wahrheit mit Löffeln gefressen hat. 

Ich bin Suchende.

Und ich schreibe Gedanken.
Menschliche Gedanken.

Das Wort „christlich“ beschreibt für mich nicht nur.

Es trennt auch.

Es sagt: Das hier gehört dazu.
Und etwas anderes offenbar nicht.

Aber ich möchte nicht, dass schon vor dem ersten Satz geklärt ist, wer sich angesprochen fühlen darf.

Vielleicht liest hier jemand mit, der sich niemals „christlich“ nennen würde.

Und erkennt sich trotzdem darin.

Vielleicht muss ich nicht auf alles einen Stempel drücken.

Vielleicht darf manches eine offene Frage bleiben.

Und vielleicht beginnt das, was wir „christlich“ nennen, manchmal genau dort:

nicht beim schnellen Urteil.

Sondern beim Menschen.

Hab einen guten Tag!
Mandy