Das Risiko der Freiheit

Ihr Lieben,

manchmal stolpere ich über diesen Gedanken: Gott hat den Menschen mit freiem Willen erschaffen.

Also mit der Möglichkeit, zu lieben. Zu vertrauen.
Gutes zu tun. Für andere da zu sein. Sich hinzugeben.

Aber eben auch mit der Möglichkeit, alles zu verdrehen.
Zu verletzen. Zu zerstören.
Macht zu missbrauchen. Menschen kleinzumachen.
Wegzusehen. Sich selbst zum Mittelpunkt zu machen.

Und dann frage ich mich: Hat Gott das vorher gewusst?

Hat er gewusst, was wir Menschen mit dieser Freiheit anstellen würden?

Und wenn ja: Warum hat er uns dann trotzdem so erschaffen? Warum nicht einfacher?

Warum nicht Menschen, die immer das Richtige tun?

Die gar nicht anders können, als gut zu sein?
Die niemanden verletzen.
Die nicht hassen.
Die nicht zerstören.
Die nicht wegsehen.

Klingt erstmal nach einer besseren Welt.

Die Antwort, die darauf oft kommt: „Gott hat uns eben freien Willen gegeben.“

Aber irgendwie klingt das so … lasch.

Als ginge es nur darum, dass Menschen eben mal lügen.
Mal egoistisch sind. Mal unfreundlich.
Mal zu bequem. Mal unfair.

Aber es geht um mehr.

Es geht um Abgründe.

Um Auschwitz.
Um Mord an Kindern.
Um Kriege.
Um Vergewaltigung.
Um Folter.

Um Gewalt, die nicht aus Versehen passiert, sondern geplant wird.
Organisiert. Befohlen. Ausgeführt.

Gott, Du hast das gewusst?

Du hast gewusst, wozu Menschen fähig sind? Und trotzdem hast Du uns Freiheit gegeben?

Trotzdem keinen Schalter eingebaut, der irgendwann sagt:

Bis hierhin.
Und nicht weiter.

Ich finde, darauf gibt es keine Antwort, die nicht weh tut.

Denn wer vor den Gräbern steht, vor den Bildern, vor den Geschichten, vor dem Leid von Kindern, Müttern, Vätern, Familien, ganzen Völkern, der sollte nicht zu schnell sagen: „Ja, aber … freier Wille.“

Als wäre damit alles erklärt.

Ist es nicht.

Freier Wille erklärt das Leid nicht weg.
Er macht es eher noch schwerer.

Weil er sagt: Das war nicht einfach ein Unfall …

Das waren Menschen.

Menschen mit Entscheidungen.
Menschen mit Verantwortung.
Menschen, die hätten anders handeln können.
Menschen.
Von Gott geschaffen.

Und genau das ist kaum auszuhalten.

Vielleicht beginnt Glaube für mich genau da nicht mit einer fertigen Antwort.
Sondern mit dem Mut, diese Fragen nicht fromm wegzuschieben.

Nicht so zu tun, als wäre alles halb so schlimm.

Es ist schlimm.

Manches ist so schlimm, dass ich es mit Worten nie beschreiben könnte. 🕯️

Die Bibel erzählt von einem Gott, der das Böse nicht schönredet.

Der nicht sagt: Ach, ist doch nicht so wild.

Sondern von einem Gott, der klagt.
Der weint. Der zornig wird über Unrecht.
Der die Schreie der Unterdrückten hört.

Und dann kommt Jesus. In unsere schöne kranke Welt …

Eine Welt, in der Menschen verraten.

Lügen. Foltern. Schlagen.
Töten.

Jesus kommt in eine Welt, die ihn ablehnen kann.
Verspotten kann.
Anspucken kann.
Ans Kreuz schlagen kann.

Und genau dort zeigt sich etwas, das ich kaum begreifen kann:

Gott bleibt nicht kühl auf Abstand.

Er kommt hinein.

In unsere Gewalt. In unsere Schuld.
In unsere Abgründe. In unser Sterben.

Gott steht nicht auf der Seite der Täter.
Nicht auf der Seite der Gewalt.

Nicht auf der Seite derer, die Menschen entmenschlichen.

Sondern bei den Verwundeten.
Bei den Verfolgten.
Bei den Erniedrigten.
Bei denen, denen man die Würde nehmen wollte.

In der Bibel steht:

„Ihr seid zur Freiheit berufen. Nur gebraucht die Freiheit nicht als Freibrief … sondern dient einander durch die Liebe.“ – Galater 5,13

Das trifft mich.

Denn diese Freiheit, die jeder von uns bekommen hat, heißt nicht:

Mach, was Du willst. Nimm Dir, was Du brauchst.
Setz Dich durch. Denk zuerst an Dich.

Freiheit ist nicht der Freifahrtschein für Egoismus.

Freiheit ist Berufung. Und Verantwortung.
Sie ist die Möglichkeit, nicht nur um mich selbst zu kreisen.

Sondern zu lieben.
Zu dienen.
Zu schützen.
Aufzustehen.
Barmherzig zu sein.

Aber genau diese Freiheit kann sich verdrehen.

Macht wird zu Machtmissbrauch.
Freiheit wird zu Egoismus.
Stärke wird zu Härte.
Überzeugung wird zu Selbstgerechtigkeit.
Angst wird zu Hass.

Vielleicht hat Gott all das nicht übersehen.
Vielleicht wusste er, wie gefährlich Freiheit ist.

Und vielleicht hat er sich trotzdem dafür entschieden, weil eine Welt ohne Freiheit zwar sicherer wäre, aber auch leerer. Ohne echte Liebe. Ohne echtes Vertrauen. Ohne echte Entscheidung füreinander.

Denn Liebe, die nicht frei ist, ist keine Liebe.
Vertrauen, das nicht anders kann, ist kein Vertrauen.
Güte, die programmiert ist, ist keine Güte.

Dann wäre der Mensch kein Gegenüber.
Sondern eine Maschine, die brav das tut, wofür sie gebaut wurde.

Gott wollte keine Automaten.

Er wollte Menschen.

Menschen, die antworten können.
Menschen, die wählen können.
Menschen, die Ja sagen können.
Und leider auch Nein.

Und dieses Nein kann furchtbar werden.

Nicht nur irgendwo weit weg.

Auch in mir.

Wenn ich hart werde.
Wenn ich schweige, obwohl ich reden müsste.
Wenn ich urteile.
Wenn ich mich rausrede.
Wenn ich nur mich sehe.

Freiheit klingt groß.

Aber sie ist nicht nur ein schönes Geschenk.

Sie ist auch Verantwortung. Manchmal auch Überforderung.

Vielleicht bleibt deshalb am Ende nicht die schnelle Antwort.

Sondern eher eine Bitte: Gott, hilf mir, mit meiner Freiheit nicht achtlos umzugehen. 🙏

Nicht gleichgültig zu werden.
Nicht hart. Nicht blind. Nicht stumm, wenn ich reden müsste.
Nicht laut, wenn ich besser zuhören sollte.
Nicht bequem, wenn Menschlichkeit Mut braucht.

Vielleicht hat Gott uns Freiheit gegeben, weil Liebe ohne Freiheit keine Liebe wäre.

Aber vielleicht erinnert uns Jesus daran, wofür diese Freiheit gedacht ist:

Nicht zum Herrschen.
Nicht zum Verletzen.
Nicht zum Wegsehen.

Sondern zum Lieben.
Zum Schützen.
Zum Aufstehen.
Zum Barmherzigsein.

Nicht weil wir müssen.

Sondern weil wir frei sind. ❤️


Fetten Segen für Dich.
Mandy