Mittags am Brunnen
Hey, guten Morgen!
Sag mal, kennst Du die Geschichte von Jesus und der Frau am Brunnen?
Sie kommt mittags zum Wasserholen. In der größten Hitze.
Zu einer Zeit, in der vermutlich kaum jemand freiwillig mit einem Krug zum Brunnen läuft.
Vielleicht war das Zufall. Vielleicht auch nicht.
Vielleicht war genau das der Plan: gehen, wenn keiner da ist. Schnell hin. Wasser holen. Wieder weg. Keine Fragen. Kein Gerede. Kein Mensch, dem sie erklären muss, warum sie so ist, wie sie ist.
Ehrlich? Ich kenne das irgendwie.
Wenn ich an der Wohnungstür stehe, Stimmen im Hausflur höre und noch einen Moment warte.
Nicht, weil ich Menschen hasse. Nicht, weil ich unfreundlich sein will.
Manchmal hab ich einfach keinen Bock auf Begegnung.
Keinen Smalltalk. Kein „Na, alles gut?“
Kein Gesicht für eine Antwort, die freundlich klingen soll, obwohl die ehrliche Version viel zu lang wäre.
Vielleicht kennst Du solche Momente auch.
Wenn Du einen anderen Weg nimmst.
Wenn Du kurz so tust, als wärst Du beschäftigt.
Wenn Du hoffst, dass niemand fragt.
Diese Frau am Brunnen hatte Geschichte.
Das merkt man später im Gespräch. Da wird deutlich: Ihr Leben war nicht glatt. Nicht einfach.
Über diese Frau wurde viel geredet.
Du weißt schon: viel Meinung für wenig Wissen.
Als wäre sofort klar, „was für eine“ sie gewesen sein muss.
Aber das Leben ist selten so einfach.
Vielleicht war sie schuldig. Vielleicht verletzt. Vielleicht verlassen. Vielleicht verwitwet. Vielleicht abhängig. Vielleicht von allem etwas. Ich hab keine Ahnung.
Aber eins berührt mich: Jesus schaut sie nicht mit fremden Urteilen an.
Er sieht nicht nur das, was andere über sie erzählen.
Nicht nur ihre Brüche. Nicht nur ihre Fehler.
Nicht nur ihre Entscheidungen.
Er sieht ihre Geschichte, aber er benutzt sie nicht gegen sie.
Jesus sitzt dort am Brunnen.
Müde. Durstig.
Menschlich.
Und er spricht sie an.
Das allein war damals schon ungewöhnlich. Ein jüdischer Mann spricht eine samaritanische Frau an. Öffentlich. Direkt. Ohne Abstand, ohne diesen Blick von oben herab.
Nicht mit einem Urteil. Nicht mit einem Etikett.
Nicht mit diesem Blick, der schon alles zu wissen meint.
Sondern mit einem Satz, der fast schlicht klingt: „Gib mir zu trinken.“ – Johannes 4,6–18
Er braucht etwas. Von ihr.
Wasser.
Jesus trifft sie an einem Ort, an dem sie vielleicht niemanden treffen wollte.
Und er sieht sie. Das ist schön.
Eine Begegnung, in der ein Mensch gesehen wird, ohne auf seine Geschichte reduziert zu werden. Das bekommen wir Menschen nicht so oft hin. Wir sehen schnell einen Ausschnitt und halten ihn für das Ganze.
Einen Satz. Eine Entscheidung.
Einen Fehler. Einen Ruf.
Einen Moment, in dem jemand anders war, als wir ihn gern gehabt hätten.
Und manchmal haben wir selbst Angst, genau so gesehen zu werden.
Nur als das, was schiefging. Nur als das, was andere weitererzählen könnten.
Ich glaube: Gott kennt auch diese Wege.
Den gemiedenen Hausflur. Den Brunnen mitten am Tag.
Nicht, um uns dort festzuhalten. Sondern um uns dort zu begegnen.
Nicht mit dem Blick, der Dich klein macht.
Nicht mit dem Etikett, das an Dir kleben bleibt.
Sondern mit einem Blick, der mehr sieht.
Dich.
Nicht nur Deine Geschichte. Nicht nur das, was andere daraus machen.
Du bist gesehen. Nicht abgestempelt.
Gesehen. ❤️
Alles Liebe!
Deine Mandy
