Ich liebe Dich, aber …
„Ich liebe Dich. Aber ich kann nicht gutheißen, wie Du lebst.“
Der Satz ist vermutlich oft ehrlich gemeint. Als Versuch, beides zusammenzuhalten: den eigenen Glauben und die Zuneigung zu einem Menschen, der anders lebt, liebt oder sich selbst versteht.
Und trotzdem bleibt manchmal vor allem dieses kleine Wort hängen:
Aber.
Alles davor klingt warm. Alles danach erklärt, wie weit diese Wärme reichen darf.
Ich liebe Dich – aber erzähl mir lieber nichts von Deiner Beziehung.
Ich liebe Dich – aber bring Deinen Partner nicht mit.
Ich liebe Dich – aber ich werde weiterhin den Namen benutzen, den ich für richtig halte.
Vielleicht möchte derjenige, der so spricht, tatsächlich nur eine Lebensweise ablehnen und nicht den Menschen.
Doch für den anderen lässt sich das kaum so ordentlich trennen. Es geht nicht um eine schlechte Angewohnheit, die er ablegen könnte. Es geht darum, wen er liebt. Mit wem er sein Leben teilt. Welchen Namen er trägt. Und ob er in meiner Nähe ganz er selbst sein darf – oder nur der Teil von ihm, mit dem ich einverstanden bin.
Natürlich bedeutet Liebe nicht, alles gutzuheißen. Ich liebe Menschen, mit denen ich nicht immer einer Meinung bin. Ich kann Entscheidungen falsch finden, Grenzen setzen und widersprechen.
Aber ein Mensch ist keine Klassenarbeit, die ich ständig benoten muss.
An dieser Stelle höre ich schon den nächsten Einwand:
„Aber die Bibel sagt doch, dass wir unsere Geschwister ermahnen sollen.“
Ja. Das tut sie.
Paulus schreibt:
„Brüder und Schwestern, auch wenn jemand unter euch in Sünde fällt, müsst ihr zeigen, dass der Geist Gottes euch leitet. Bringt einen solchen Menschen mit Nachsicht wieder auf den rechten Weg. Passt aber auf, dass ihr dabei nicht selbst zu Fall kommt!“ (Galater 6,1)
Da steht nicht: Schau weg und sag zu allem Ja.
Aber da steht auch nicht: Mach Dich zum Aufseher über das Leben anderer Menschen.
Paulus spricht von Geschwistern. Von Menschen, die miteinander glauben und einander verbunden sind. Und er spricht von Sanftmut, Selbstprüfung und dem Ziel, einen Menschen wieder aufzurichten.
Ermahnung ist etwas anderes als Verurteilung.
Sie geschieht nicht von oben herab. Sie stellt niemanden bloß. Und sie macht einen Menschen nicht zum Projekt, das endlich in Ordnung gebracht werden muss.
Vor allem setzt Ermahnung voraus, dass überhaupt klar ist, worin die Verfehlung besteht.
Und genau das ist bei diesen Fragen umstritten.
Was der eine Christ eindeutig Sünde nennt, versteht ein anderer nach ernsthaftem Ringen mit denselben Bibelstellen anders. Beide können beten, lesen und die Bibel ernst nehmen – und trotzdem nicht beim gleichen Ergebnis ankommen.
Meine Überzeugung wird nicht allein dadurch unfehlbar, dass ich sie mit einem Bibelvers begründe.
Vielleicht darf ich widersprechen. Vielleicht darf ich auch ermahnen, wenn eine echte Beziehung zwischen uns besteht.
Aber ich sollte mich fragen:
Tue ich es, weil mir dieser Mensch wirklich am Herzen liegt?
Hat er mich überhaupt eingeladen, in diesen Teil seines Lebens hineinzusprechen?
Bin ich ebenso bereit, mich von ihm hinterfragen zu lassen?
Und kann unsere Beziehung danach weiterleben – oder bestand sie am Ende nur aus meiner Hoffnung, ihn zu verändern?
Wenn jedes Treffen zur Korrektur wird, ist es irgendwann keine Beziehung mehr.
Dann ist der andere nur noch mein geistliches Verbesserungsprojekt.
Paulus fragt an einer anderen Stelle: „Wer bist du, dass du über den Diener eines anderen richtest? Ob er steht oder fällt, geht nur seinen eigenen Herrn etwas an.“
(Römer 14,4)
Auch dort geht es nicht um Homosexualität oder Geschlechtsidentität. Es geht um andere Streitfragen unter Gläubigen.
Aber die Frage bleibt an mir hängen: Wer bin ich eigentlich?
Vielleicht bin ich gar nicht dafür zuständig, jeden Menschen vor Gott richtig einzuordnen.
Vielleicht muss ich nicht entscheiden, wie Gott mit ihm umzugehen hat.
Und vielleicht kann ich die Bibel ernst nehmen, ohne mich selbst zum Türsteher vor Gottes Haus zu machen.
Ich verstehe, dass Christen bei diesen Fragen zu unterschiedlichen Antworten kommen. Für manche fühlt es sich an, als würden sie die Wahrheit verraten, wenn sie nicht deutlich widersprechen.
Aber Wahrheit braucht keine Lieblosigkeit, um wahr zu bleiben.
Und Liebe ist mehr als die freundliche Verpackung für Ablehnung.
Vielleicht kann ich sagen: Ich verstehe Dein Leben nicht in allem. Ich komme bei manchen Fragen zu einem anderen Ergebnis. Wenn Du mich fragst, werde ich Dir ehrlich sagen, was ich glaube.
Aber ich setze mich nicht über Dich.
Ich mache Dich nicht klein.
Und ich stelle mich nicht zwischen Dich und Gott.
Vielleicht verschwindet dadurch nicht jede Meinungsverschiedenheit.
Aber vielleicht verschwindet das Aber aus der Liebe. ❤️
…. von Herzen … bis morgen!
Mandy
