Auf mich hört er nicht

„Sag du es ihm“, sagte die Seele zum Körper. „Auf mich hört er nicht.“

Also wurde der Körper müde.

Vielleicht bekam er Kopfschmerzen. Herzklopfen. Rückenschmerzen. Vielleicht lag er nachts wach, obwohl er tagsüber kaum noch die Augen offen halten konnte.

Nicht jede Krankheit beginnt in der Seele. Und nicht jedes körperliche Symptom ist eine geheimnisvolle Botschaft, die wir nur richtig entschlüsseln müssten. Manchmal ist ein Körper einfach krank. Ohne tiefere Bedeutung. Ohne versteckte Lektion.

Aber manchmal spricht er tatsächlich aus, was wir selbst viel zu lange nicht sagen wollten:

Es ist zu viel. Ich kann nicht mehr. Ich brauche eine Pause.

Paulus schreibt: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?“ (1. Korinther 6,19)

Ein Tempel.

Kein Werkzeug, das möglichst lange funktionieren soll. Keine Maschine, die man weitertreibt, bis eine Warnleuchte angeht.

Ein Ort, an dem Gott wohnt.

Ich frage mich, warum wir mit diesem Tempel manchmal so umgehen, als gehörte er gar nicht richtig zu uns.

Wir übergehen seinen Hunger, verhandeln mit seiner Müdigkeit und werfen ein paar Ibus ein, damit der Schmerz endlich Ruhe gibt. 😬

Nur noch diesen Tag. Nur noch diesen Termin.
Nur noch schnell die eine Sache erledigen.

Und wenn der Körper irgendwann nicht mehr kann, sind wir auch noch enttäuscht von ihm.

Dabei hat er uns vielleicht nicht im Stich gelassen.

Vielleicht hat er nur aufgehört, sich von uns im Stich lassen zu lassen.

Ein Tempel verliert seine Würde nicht, weil das Dach undicht ist oder eine Säule Risse bekommen hat. Auch ein kranker Körper ist ein Tempel. Ein müder. Ein verletzter. Einer, in dem Gott nicht weniger wohnt als in einem gesunden.

Vielleicht muss man das dazusagen.

Denn selbst aus einem liebevollen Gedanken machen wir erstaunlich schnell eine neue Aufgabe.

Mehr Gemüse. Acht Stunden Schlaf. Zehntausend Schritte. Weniger Zucker. Mehr Selbstfürsorge. 🥦

Und plötzlich ist der eigene Körper nur das nächste Projekt, an dem wir scheitern können.

Aber ein Tempel ist nicht heilig, weil er makellos ist.

Er ist heilig, weil Gott darin wohnt.

Der Prophet Elia erlebt einen Moment, in dem nichts mehr geht. Gerade noch hat er gekämpft, funktioniert und durchgehalten. Dann läuft er in die Wüste, setzt sich unter einen Ginsterstrauch und sagt: „Es ist genug.“ (1. Könige 19,4)

Und Gott hält ihm keine Motivationsrede. Er verlangt keine geistliche Höchstleistung.

Er lässt Elia schlafen. Dann gibt er ihm Wasser und etwas zu essen. 💤

Vielleicht wusste Elias Körper längst, was seine Seele erst unter diesem Strauch aussprechen konnte:

Es ist genug.

Vielleicht kennst Du diesen Punkt kurz davor.

Du stehst morgens auf und bist schon müde. Der Nacken ist hart, der Kiefer angespannt und im Bauch sitzt etwas, das Du nicht richtig benennen kannst.

Trotzdem gehst Du weiter.

Du beantwortest Nachrichten. Erledigst Termine. Sagst „Alles gut“, weil eine ehrliche Antwort gerade zu lange dauern würde.

Vielleicht hältst Du nicht durch, weil Du so stark bist.

Vielleicht hältst Du durch, weil Du gar nicht weißt, wie Aufhören geht.

Oder weil Aufhören gerade schlicht nicht möglich ist.

Weil ein Kind versorgt werden muss. Weil jemand auf Deine Hilfe angewiesen ist. Weil die Miete nicht bezahlt wird, wenn Du nicht arbeiten gehst. Weil das Leben nicht automatisch stehen bleibt, nur weil Dein Körper dringend eine Pause braucht.

Manche Menschen übergehen ihre Grenzen nicht aus Ehrgeiz.

Sie tun es, weil der Tag trotzdem irgendwie geschafft werden muss.

Vielleicht gibt es gerade keine große Pause. Kein freies Wochenende. Niemanden, der alles übernimmt.

Dann brauchst Du nicht auch noch den Vorwurf, dass Du nicht gut genug auf Dich achtest.

Vielleicht bedeutet den eigenen Körper ernst zu nehmen nicht immer, sofort alles stehen und liegen zu lassen.

Vielleicht beginnt es viel kleiner.

Damit, nicht mehr so zu tun, als wäre nichts.

Sich einzugestehen: Es ist gerade zu viel.

Ich brauche Hilfe. Ich brauche Ruhe. Und vielleicht muss ich mich dafür nicht einmal rechtfertigen.
Vielleicht ist es manchmal sogar eine Form des Glaubens, den eigenen Körper ernst zu nehmen.

Nicht, um jedes Ziehen zu deuten. Sondern weil der Körper nicht bloß die Verpackung unserer Seele ist.

Gott selbst ist Mensch geworden. Mit einem Körper, der Hunger bekam. Durst. Schmerzen. Der müde wurde und Schlaf brauchte.

Vielleicht sind unsere Grenzen deshalb nichts, was wir überwinden müssen, um Gott näher zu sein. Vielleicht begegnet er uns manchmal genau dort.

Nicht erst hinter der Grenze. Nicht erst, wenn wir uns wieder zusammengerissen haben.

Sondern mitten in der Müdigkeit. In der Pause. In dem Moment, in dem wir endlich zugeben, dass es gerade nicht mehr geht.

Wir wohnen nicht nur in diesem Körper. Wir sind auch dieser Körper.
Mit seinen Grenzen. Seinen Narben. Seiner Müdigkeit. Seinem Hunger nach Ruhe.

Vielleicht klopft Deine Seele schon eine ganze Weile leise an.

Und vielleicht sagt sie gerade zu Deinem Körper:
Sag Du es ihm. Auf mich hört er nicht. ❤️