Mann. Frau. Fertig?

„Gott hat aber nur Mann und Frau vorgesehen.“

Dieser Satz fällt häufig, wenn Menschen nicht in das vertraute Bild von Mann und Frau passen. Weil sie transgeschlechtlich oder nichtbinär sind. Oder weil ein Mann einen Mann liebt und eine Frau eine Frau.

Das sind unterschiedliche Dinge. Bei dem einen geht es darum, welchem Geschlecht ein Mensch sich zugehörig fühlt. Bei dem anderen darum, wen er liebt. Trotzdem landet beides häufig in derselben Diskussion: Gott hat das so nicht vorgesehen. Und das klingt, als wäre damit bereits alles gesagt.

Mann. Frau. Fertig.

Ich bin eine Frau. Eher Räubertochter als Prinzessin. Ich trage weder Röcke noch Kleider, habe keine langen Haare und entspreche vermutlich nicht jeder Vorstellung davon, was typisch weiblich sein soll. Trotzdem musste ich nie darüber nachdenken, ob ich eine Frau bin.

Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie es sich anfühlen soll, eine Frau zu sein. Ich bin eine. Aber ich fühle mich vor allem wie ich selbst.

Vielleicht kann ich gerade deshalb nur schwer nachempfinden, wie es sich anfühlt, wenn diese Selbstverständlichkeit fehlt. Wenn andere Dich als Frau oder Mann sehen und Du selbst Dich darin nicht wiederfindest.

Spätestens hier tauchen viele Begriffe auf. Binär bedeutet in diesem Zusammenhang die Einteilung in zwei Geschlechter: Mann und Frau. Nichtbinäre Menschen erleben sich nicht ausschließlich als eines von beidem. Transgeschlechtliche Menschen wurden bei ihrer Geburt als Mädchen oder Junge eingeordnet, finden sich später darin aber nicht wieder.

Schwul oder lesbisch zu sein, ist noch einmal etwas anderes. Dabei geht es nicht um das eigene Geschlecht, sondern darum, wen ein Mensch liebt.

Und dann sind da diese Zahlen. Mal ist von 60 Geschlechtern die Rede, mal von 72 und manchmal von noch viel mehr. Eine verbindliche Zahl gibt es nicht. Solche Zahlen stammen häufig aus Listen, in denen unterschiedliche Selbstbezeichnungen gesammelt wurden. Sie bedeuten nicht, dass es ebenso viele verschiedene körperliche Geschlechter gibt.

Oft werden dabei unterschiedliche Dinge zusammengezählt: das körperliche Geschlecht, die eigene Geschlechtsidentität, die sexuelle Orientierung und viele einzelne Wörter, mit denen Menschen versuchen, ihr Erleben zu beschreiben.

Ob es wirklich jedes dieser Wörter braucht, weiß ich nicht. Für mich mag ein Begriff unnötig oder verwirrend klingen. Für einen anderen Menschen kann genau dieses Wort eine Erleichterung sein. Weil er plötzlich sagen kann: Ach, dafür gibt es einen Namen. Ich bin damit nicht allein.

Ich muss mir nicht jeden Begriff merken. Ich darf nachfragen, wenn ich etwas nicht verstehe. Vielleicht beginnt Respekt genau dort: Wo ich nicht alles nachvollziehen kann – und mein Gegenüber trotzdem nicht lächerlich mache.

Dann kommt der Einwand: „Nur weil sich jemand so fühlt, muss es noch lange nicht wahr sein.“

Nein. Ein Gefühl erklärt nicht automatisch die ganze Wirklichkeit. Aber es ist deshalb auch nicht nichts. Schmerzen kann ich einem Menschen nicht ansehen. Angst nicht. Liebe nicht. Glauben erst recht nicht. Ich muss etwas nicht selbst empfinden können, um einem Menschen zu glauben, dass es für ihn Wirklichkeit ist.

Wenn es um transgeschlechtliche und nichtbinäre Menschen geht, wird häufig die Schöpfungsgeschichte genannt:

„Gott schuf den Menschen als sein Bild. Als Gottes Ebenbild schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ (1. Mose 1,27)

Da stehen tatsächlich Mann und Frau. Das sollte man nicht einfach wegwischen. Aber noch bevor dort etwas über das Geschlecht steht, steht dort etwas über die Würde: Der Mensch ist Gottes Ebenbild.

Vielleicht sollten wir deshalb vorsichtig sein, wenn wir ausgerechnet diesen Vers benutzen, um einem Menschen zu erklären, dass mit ihm etwas nicht stimmt.

„Gott macht keine Fehler“, heißt es dann häufig. Das glaube ich auch. Ich frage mich nur, warum wir so sicher wissen, wo der vermeintliche Fehler liegt. Im Körper eines Menschen? In seinem Empfinden? Oder vielleicht in unseren engen Vorstellungen davon, wie ein Mensch zu sein hat?

Wenn es um homosexuelle Menschen geht, kommen weitere Bibelstellen hinzu. Sie stehen da. Aber darüber, was genau diese Texte beschreiben und was sie für eine liebevolle, verbindliche Beziehung zwischen zwei Menschen heute bedeuten, streiten selbst Christen, die ihre Bibel sehr ernst nehmen.

Ich werde diesen Streit nicht mal eben zwischen Guten Morgen und „Segenregen, hab einen guten Tag“ lösen. 😉 Nicht jeder, der die Bibel traditionell versteht, hasst homosexuelle Menschen. Und nicht jeder, der zu einem anderen Ergebnis kommt, nimmt die Bibel weniger ernst. Vielleicht können wir uns das zunächst gegenseitig zugestehen.

Jesus sagt über Menschen, die in Gottes Namen sprechen:

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ (Matthäus 7,16)

Vielleicht dürfen wir deshalb auch unsere Antworten an ihren Früchten erkennen. Führen sie zu Liebe, Frieden und Leben? Oder hinterlassen unsere Worte Angst, Scham und einen Menschen, der irgendwann glaubt, Gott könne ihn nur lieben, wenn er jemand anderes wäre?

Ich habe nicht auf jede Frage eine Antwort. Aber ich muss nicht alles verstanden haben, um respektvoll zu sein.

Und ich glaube nicht, dass irgendein Mensch ein Versehen ist. ❤️


In diesem Sinne. 

Segenregen. Hab einen schönen Tag!
Deine Mandy