Gut. Böse. Und ich mittendrin.
Ihr Lieben,
gibt es eigentlich gute und schlechte Menschen?
Manchmal wäre es ja fast beruhigend, wenn die Welt so einfach wäre.
Hier die Guten.
Dort die Bösen.
Hier die, die es richtig machen.
Dort die, vor denen man sich in Acht nehmen muss.
Schublade auf.
Mensch rein.
Schublade zu.
Fertig.
Nur leider funktioniert das Leben nicht so sauber.
Natürlich gibt es Menschen, die Schlimmes tun.
Menschen, die verletzen.
Lügen. Ausnutzen. Zerstören.
Manche nicht aus Versehen, sondern immer wieder.
Und ich finde wichtig, das nicht kleinzureden.
Böses bleibt böse.
Schuld bleibt Schuld.
Verantwortung bleibt Verantwortung.
Aber trotzdem frage ich mich:
Ist ein Mensch dann ein schlechter Mensch?
Oder ein Mensch, in dem etwas Schlechtes Raum bekommen hat?
Vielleicht klingt das nach Haarspalterei.
Aber ich glaube, dazwischen liegt eine ganze Menge.
Denn sobald ich andere Menschen einfach als „schlecht“ abstemple, passiert etwas Merkwürdiges:
Ich selbst stehe plötzlich ziemlich gut da.
Ich bin dann auf der richtigen Seite.
Bei den Anständigen.
Bei denen, die es besser wissen.
Und ganz ehrlich?
Das fühlt sich manchmal viel zu angenehm an.
Denn dann muss ich nicht mehr so genau hinschauen.
Nicht auf meine eigenen Gedanken.
Nicht auf meine Härte.
Nicht auf meinen Neid.
Nicht auf meine kleinen Gemeinheiten, die ich vielleicht nie ausspreche, aber trotzdem denke.
Nicht auf die Kälte in mir, wenn mir jemand zu anstrengend wird.
Nicht auf mein Rechthabenwollen.
Nicht auf meine Lust, andere innerlich kleiner zu machen.
Jesus sagt einmal:
„Warum siehst Du den Splitter im Auge Deines Bruders, aber den Balken in Deinem eigenen Auge bemerkst Du nicht?“ – Matthäus 7,3
Autsch.
Ich glaube, er sagt das nicht, weil alles egal ist.
Nicht, weil man nichts mehr benennen darf.
Nicht, weil man Unrecht weglächeln soll.
Nicht, weil Täter keine Verantwortung tragen.
Sondern weil der Blick auf andere so schnell scharf wird.
Und der Blick auf mich selbst so schnell verschwimmt.
Ich sehe den Splitter beim anderen oft gestochen klar.
Seinen Ton.
Seinen Fehler.
Seine Schuld.
Seine Unmöglichkeit.
Aber meinen eigenen Balken?
Den nenne ich dann Persönlichkeit.
Schutzmechanismus.
Schlechten Tag.
War halt nicht so gemeint.
Vielleicht ist kein Mensch nur gut.
Und vielleicht ist kein Mensch nur schlecht.
Vielleicht sind wir alle fähiger zum Guten, als wir manchmal glauben.
Und fähiger zum Bösen, als uns lieb ist.
Das ist unbequem. Aber vielleicht auch ehrlich.
Denn wenn ich weiß, dass auch in mir dunkle Ecken wohnen, werde ich hoffentlich vorsichtiger.
Vorsichtiger mit schnellen Urteilen.
Vorsichtiger mit großen Etiketten.
Vorsichtiger mit diesem Satz: „So jemand bin ich nicht.“
Vielleicht wäre ehrlicher:
So jemand will ich nicht sein.
Und genau deshalb muss ich hinschauen.
Nicht panisch.
Nicht voller Selbsthass.
Aber wach.
Was füttere ich in mir?
Was lasse ich wachsen?
Welchen Gedanken gebe ich Raum?
Welche Grenze ziehe ich, bevor aus Bitterkeit etwas Größeres wird?
Ich glaube nicht, dass Gott uns in Schubladen sortiert.
Gut.
Schlecht.
Brauchbar.
Verloren.
Ich glaube, Gott sieht tiefer.
Er sieht Schuld, ohne sie schönzureden.
Er sieht Wunden, ohne sie als Entschuldigung für alles zu nehmen.
Er sieht, was ein Mensch getan hat.
Und er sieht, was aus einem Menschen noch werden könnte.
Vielleicht ist das Gnade.
Nicht: Alles ist halb so wild.
Sondern: Du bist mehr als Dein schlechtester Moment.
Aber Du bist auch verantwortlich für das, was Du daraus machst.
Und vielleicht beginnt Gutsein nicht damit, dass ich mich zu den Guten zähle.
Sondern damit, dass ich ehrlich bleibe.
Auch über mich.