Tag 1: Wenn es Gott gibt – warum gibt es dann Leid?
Heute Morgen hats geklingelt.
Noch bevor der Kaffee durchgelaufen war. ☕️
Vor meiner Tür stand eine Frage.
Keine kleine.
Keine, die man mal eben zwischen Zähneputzen und Schlüssel suchen beantwortet.
Sie sah mich an und sagte:
Wenn es Gott gibt – warum gibt es dann Leid?
Ich kannte die Frage natürlich.
Wir alle kennen sie.
Aus den Nachrichten.
Von Krankenhausfluren und Friedhöfen.
Aus Kriegsgebieten, deren Namen wir inzwischen fast beiläufig aussprechen.
Aber auch aus Wohnungen, in denen niemand sieht, was geschieht.
Aus Lebensgeschichten, die nach außen längst weitergegangen sind.
Und aus Nächten, in denen etwas wieder wehtut, das andere längst für vergangen halten. 💔
Manchmal bleibt die Frage weit weg. Dann lässt sich erstaunlich klug über sie sprechen.
Über den freien Willen.
Über eine gefallene Welt.
Über Gottes Wege, die wir nicht verstehen.
Sätze, die vielleicht sogar stimmen.
Solange das Leid keinen Namen trägt.
Kein Gesicht. Keinen leeren Platz hinterlässt.
Sobald es näher kommt, werden viele Antworten leise.
Ich wollte die Frage eigentlich vor der Tür stehen lassen.
Zu groß. Zu schwer.
Und ehrlich gesagt auch ein bisschen unverschämt, so früh am Morgen. 😬
Aber sie stellte einen Fuß in die Tür.
Also ließ ich sie herein.
Offenbar hat sie Gepäck dabei.
Sie wird diese Woche hier im SeelenFutter mit am Tisch sitzen.
Uns widersprechen.
Vielleicht alte Erinnerungen berühren.
Vielleicht an Stellen drücken, von denen wir dachten, sie wären längst verheilt.
Und wahrscheinlich wird sie sich nicht mit einem schnell hingeworfenen Bibelvers zufriedengeben.
Das muss sie auch nicht.
Ich hätte ihr gern eine Antwort neben die Kaffeetasse gestellt.
Eine, die alles erklärt. Die Gott verteidigt.
Die das Leid wenigstens ein bisschen erträglicher macht.
Aber ich hatte keine.
Dafür fiel mir Habakuk ein.
Ein Prophet mit einem etwas ungewohnten Namen – und mit Worten, die erschreckend wenig nach damals klingen.
Habakuk lebt in einer Welt voller Gewalt.
Er sieht Menschen, die andere unterdrücken. Streit, der nicht endet.
Ein Recht, das längst nicht mehr schützt, sondern verdreht wird.
Und er sieht einen Gott, der doch da sein soll – aber scheinbar nichts tut.
Habakuk schreibt: „Warum muss ich so viel Unrecht mit ansehen, und warum schaust du untätig zu, wie die Menschen einander das Leben schwer machen? Unterdrückung und Gewalt, wohin ich blicke, Zank und Streit nehmen kein Ende!“ – Habakuk 1,3
Das klingt nicht nach einem alten dicken Schinken. Das klingt nach 2026.
Wir müssten nur die Namen austauschen.
Die Orte. Die Waffen.
Die Bilder erreichen uns heute schneller.
Das Leid leider auch.
Vielleicht trifft mich Habakuks Frage deshalb so.
Er fragt nicht nur: Warum gibt es das alles?
Er fragt auch: Warum muss ich es mit ansehen?
Und: Gott, warum sieht es so aus, als würdest Du einfach zusehen?
Gott antwortet Habakuk später tatsächlich.
Nur nicht mit einer Erklärung, mit der plötzlich alles Sinn ergibt.
Das Gespräch geht weiter. Die Frage auch.
Vielleicht ist genau das der Anfang dieser Woche.
Keine Antwort, mit der wir die Frage schnell zum Schweigen bringen.
Kein Versuch, Gott aus der Sache herauszureden.
Nur ein freier Stuhl an unserem Tisch.
Für Habakuk.
Für unsere eigenen Gedanken.
Und für diese viel zu große Frage, die heute Morgen plötzlich vor der Tür stand.
Also rücken wir ein bisschen zusammen.
Nicht, weil wir sicher sind, dass die Frage am Freitag wieder geht.
Sondern weil manche Fragen zu wichtig sind, um sie draußen stehen zu lassen.
Hab nen guten Montag.
Mandy
Themenwoche vom August 2026:
Die Frage nach dem Warum steht vor der Tür.

3. August 2026 @ 2:46
Mitten in der Nacht – ich lese das Seelenfutter und dann das…
…ein Thema bzw. eine Frage über die unendlich viel und lang nachgedacht oder geredet wird.
Und? Wieviel Leid kann ein Mensch ertragen? Mir sagte mal ein Arzt, dass ich noch am Leben sei, ist ein Wunder. Weil das, was ich erfahren habe, Kinder in der Regel nicht überleben und ja, das stimmt. Mit 6 Jahren wollte ich sogar sterben, wusste aber nicht wie ich das anstellen sollte.
20 Jahre später brach das Leid über meine kleine Familie und mein 1. Mann starb mit 35. Ich war 31 und meine Kinder waren 3 und 8. Eins wäre 6 gewesen, aber das lebte auch nicht mehr. Zu dem Zeitpunkt wollte ich von Gott nichts mehr wissen. 3 Jahre später wurde ich schwer krank. Es hat dann noch Monate gebraucht, bis ich mit einer Bettnachbarin in der Klinik über diesen Gott reden konnte, den ich überhaupt nicht verstand.
Zig Jahre sind seither vergangen.
Glück und Leid gaben sich die Klinke in die Hand – immer wieder.
Manche Menschen zerbrechen daran, andere erstarren und wieder andere
erleben, dass sie im Rückblick entdecken, dass es diesen Gott wirklich gibt.
Wer oder was tröstet mich in Momenten des absoluten Schmerzes?
Seit 20 Monaten schau ich mir keine Nachrichten mehr in den Medien am Abend an, nachdem ich nicht mehr einschlafen konnte, weil ich die Welt nicht mehr verstand und auch nicht, wie diese Welt regiert wird.
…und dann lese ich morgens das Seelenfutter und merke – das hat was, das der Seele gut tut und kein Junkfood ist. Da ist kein moralischer Zeigefinger. Heiße Themen greifst du auf und scheust dich nicht, über das zu schreiben, was uns Menschen im Innersten umtreibt.
Danke Mandy – ich bin auf diese Woche wieder sehr gespannt.
…und danke, dass du nie aufgegeben hast!
3. August 2026 @ 16:54
Liebe Hannelore, ich hab schon letzte Nacht gelesen, was Du geschrieben hast, seitdem immer mal wieder daran gedacht und komme jetzt erst dazu, Dir zu antworten. Und ich merke, wie schwer es ist, darauf etwas zu schreiben, das nicht irgendwie komisch oder viel zu klein klingt.
Das Leben ist nicht fair. Und es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich Lebenswege sein können. Manche Menschen scheinen ziemlich unbeschwert hindurchzugehen. Andere müssen schon als Kinder Dinge tragen, die eigentlich kein Mensch tragen können sollte.
Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen? Ich weiß es nicht. Vielleicht manchmal nur noch den nächsten Tag. Die nächste Stunde. Den nächsten Atemzug.
Dass Du nach all dem irgendwann wieder mit jemandem über diesen Gott sprechen konntest, den Du überhaupt nicht verstanden hast, berührt mich. Gerade weil daraus keine glatte Geschichte geworden ist, in der plötzlich alles gut war. Glück und Leid gaben sich weiterhin die Klinke in die Hand.
Danke, dass Du so offen von Deinem Leben erzählt hast. Und danke für Deine Worte über das SeelenFutter. ❤️
3. August 2026 @ 8:08
Moin,
welches Gottesbild steht hinter der Frage?
3. August 2026 @ 9:54
Moin lieber Gregor, an wen richtest DU die Frage? Oder ist sie nur eine Erweiterung/ Ergänzung der Fragen, die Mandy aufwirft?
3. August 2026 @ 10:51
Hallo Maximilian,
ich hatte die Frage als Erweiterung / Ergänzung zur Frage von Mandy gedacht.
In dem Sinne von, ist Gott dafür zuständig, dass es uns gut geht?
Dass wir gesund und reich sind. Das wir Gott vorschreiben wollen, was er zu tun und zu lassen hat.
Er ist Gott, nicht wir.
Gruß Gregor
3. August 2026 @ 17:02
Moin Ihr beiden 😊 Da musste ich tatsächlich erstmal drüber nachdenken … ich würde sagen, hinter der Frage steht vermutlich meistens das Bild eines Gottes, der gut und allmächtig ist. Eines Gottes, der Leid verhindern könnte, wenn er wollte.
Und da ist das Ding, die Spannung: Wenn Gott liebt und eingreifen kann – warum tut er es dann so oft scheinbar nicht?
Natürlich hängt viel davon ab, welches Gottesbild ein Mensch so hat. Aber ich glaube, die Frage wird nicht nur von einem Gottesbild gestellt. Die kommt oft aus Erfahrung. Dann fragt da kein theologisches Konzept, sondern ein verletzter Mensch.
Beides darf diese Woche mit am Tisch sitzen. 🙂 Schönen Abend, ich feile jetzt mal das SeelenFutter für morgen fertig.