Recht gehabt. Und jetzt?
Mal ehrlich: Recht zu haben fühlt sich manchmal schon ziemlich gut an. Besonders dann, wenn der andere vorher felsenfest davon überzeugt war, dass man falschliegt. 😏
Und wenn man es auch noch schwarz auf weiß beweisen kann … na, umso besser!
Aber weißt Du, was mir dabei durch den Kopf geht?
Man kann vollkommen recht haben und trotzdem ziemlich danebenliegen.
Stell Dir vor, jemand erzählt etwas, das einfach nicht stimmt. Du weißt es besser. Vielleicht hast Du es selbst erlebt, irgendwo nachgelesen oder kannst es sogar beweisen.
Klar, da liegt es nahe, das richtigzustellen.
Und manchmal beginnt es auch ganz harmlos. Du erklärst, warum Du die Sache anders siehst. Der andere widerspricht. Du erklärst es noch einmal, diesmal etwas ausführlicher. Irgendwann wirst Du ungeduldig, vielleicht ein bisschen spitz in Deinen Bemerkungen.
Und plötzlich geht es gar nicht mehr so sehr um die Sache selbst. Sondern darum, dass der andere endlich einsieht, dass Du recht hast.
Nur sitzt Dir jetzt möglicherweise jemand gegenüber, der sich ziemlich klein fühlt.
Und irgendwie ist das doch verrückt.
Die Wahrheit hat sich nicht verändert. Aber vielleicht etwas zwischen Euch.
Ich glaube, das liegt daran, dass Wahrheit und Liebe nicht automatisch Hand in Hand gehen.
Die Wahrheit fragt danach, was richtig ist. Die Liebe schaut auch auf den Menschen, der gerade vor uns steht.
Paulus schreibt in 1. Korinther 13,2 etwas ziemlich Erstaunliches: „Wenn ich einen so starken Glauben habe, dass ich Berge versetzen kann, aber ich habe keine Liebe – dann bin ich nichts.“
Stell Dir das mal vor.
Da könnte einer noch so klug sein. Auf jede Frage eine Antwort haben. Und trotzdem könnte ihm ausgerechnet das fehlen, worauf es ankommt.
Denn nur weil ich etwas besser weiß, bin ich noch lange kein besserer Mensch.
Andererseits ist Liebe ja auch nicht dasselbe wie ständiges Zustimmen.
Manchmal ist ein ehrliches „So sehe ich das nicht“ viel wertvoller als ein freundliches Nicken. Gerade unter Menschen, die sich nahestehen.
Und wenn jemand Mist baut, wird es durch Schweigen auch nicht besser. Es gibt Wahrheiten, die unbequem sind. Die wehtun, selbst wenn sie liebevoll ausgesprochen werden.
Vielleicht ist das überhaupt der Unterschied:
Wahrheit sagt, was Sache ist. Liebe vergisst dabei nicht, mit wem sie spricht.
Und ich denke, wir alle kennen beide Seiten.
Wir wissen, wie es sich anfühlt, wenn uns jemand einen Fehler unter die Nase reibt. Aber wahrscheinlich kennen wir auch die Momente, in denen wir selbst ein bisschen zu weit gegangen sind. Noch ein Argument hinterhergeschoben haben. Noch einen kleinen Seitenhieb.
Obwohl eigentlich längst alles gesagt war.
Vielleicht ist es manchmal gar nicht so einfach, Wahrheit und Liebe zusammenzubringen. Gerade dann nicht, wenn wir uns unserer Sache besonders sicher sind.
Denn auf der anderen Seite sitzt nicht bloß eine Meinung, die wir widerlegen wollen.
Sondern ein Mensch.
Und vielleicht ist manchmal nicht die spannendste Frage, wer am Ende recht hatte. Sondern ob wir einander dabei noch im Blick behalten haben.
Komm gut in die neue Woche! ☕❤️
Deine Mandy
