Warum greifst Du nicht ein?

Ihr Lieben,

manche Fragen werden nicht alt.

Nur ihre Gesichter ändern sich.

Andere Kriege.
Andere Namen.
Andere Schlagzeilen.

Aber darunter bleibt: derselbe Schmerz.

Menschen leiden.
Kinder haben Angst.
Unrecht gewinnt.
Lügen kommen durch.
Einer schreit, und keiner kommt.

Und irgendwann steht sie wieder da, diese Frage: Gott, warum greifst Du nicht ein?

Nicht irgendwann.
Nicht später.
Nicht am Ende, wenn alles schon vorbei ist.

Sondern jetzt.

Hier.

Mitten in dieser Welt, die manchmal wirkt, als hätte sie den Verstand verloren.

Und wahrscheinlich haben Menschen genau diese Frage schon immer gestellt.

In Kellern.
An Krankenbetten.
Auf Schlachtfeldern.
In zerbrochenen Familien.
Nach Katastrophen.
Mitten in Nächten, in denen niemand schlafen konnte. 🌙

Vielleicht nicht immer mit denselben Worten.

Aber mit demselben Zittern in der Stimme:

Gott, siehst Du das?
Hörst Du das?
Warum lässt Du das zu?

Ich glaube, diese Frage ist nicht gottlos.

Vielleicht ist sie sogar erstaunlich nah an Gott dran.

Denn wer so fragt, hat Gott noch nicht aufgegeben.
Sonst würde er ja nicht mehr fragen.

Wer so fragt, rechnet irgendwo noch damit, dass Gott sieht.
Dass Gott hört.
Dass Gott nicht gleichgültig ist.

Aber genau da tut es ja weh.

Weil ein gleichgültiger Gott vielleicht leichter zu ertragen wäre
als ein liebender Gott, der nicht so eingreift, wie wir es uns wünschen.

In der Bibel gibt es diesen Satz:

„Wach auf, Herr! Warum schläfst du? Werde wach und verstoß uns nicht für immer!“Psalm 44,24

Das steht wirklich so da.

Da schreit jemand zu Gott:  Wach auf. Warum schläfst Du? Siehst Du das nicht?

Und ich finde das tröstlich.

Nicht, weil es die Frage beantwortet.

Sondern weil es zeigt: Diese Frage hat Platz bei Gott.

Auch die Wut.
Auch das Nichtverstehen.
Vor allem dieses innere: Das kann doch nicht Dein Ernst sein.

Vielleicht muss Glaube manchmal genau da anfangen.

Nicht bei einer fertigen Antwort.

Sondern bei einer Frage, die man Gott hinwirft, weil man sie nirgendwo anders mehr lassen kann. 🙏

Ich weiß nicht, warum Gott nicht immer eingreift.

Ich weiß es wirklich nicht.

Und ich möchte auch nicht so tun, als könnte ich Dir das mal eben erklären.

Ich glaube nicht, dass jedes Leid einen geheimen Sinn hat.
Ich glaube nicht, dass alles Schlimme „schon irgendwie gut“ ist.
Ich glaube nicht, dass Gott Freude daran hat, Menschen durch Schmerz zu erziehen.

Manches ist einfach schlimm.

Punkt.

Manches ist ungerecht.
Manches ist zerstörerisch.
Manches hätte nie passieren dürfen.

Und trotzdem glaube ich nicht, dass Gott abwesend ist.

Vielleicht ist das der schmale Grat, auf dem Glaube manchmal steht:

Nicht alles erklären können.
Und trotzdem nicht loslassen.

Nicht verstehen.
Und trotzdem weiter fragen.

Nicht spüren, dass Gott eingreift.
Und trotzdem hoffen, dass er näher ist, als es sich anfühlt.

Vielleicht greift Gott manchmal anders ein, als ich es erkenne.

Nicht immer so, dass alles wieder gut wird.

Manchmal durch Menschen, die bleiben.
Durch einen Satz zur richtigen Zeit.
Durch eine Tür, die doch noch aufgeht.
Durch Kraft für diesen einen Tag.
Durch Tränen, die endlich kommen dürfen.
Durch Mut, der nicht groß aussieht, aber reicht, um weiterzugehen. 

Und manchmal bleibt trotzdem nur Schweigen.

Auch das gehört zur Wahrheit.

Aber vielleicht ist sogar dieses Schweigen nicht leer.

Vielleicht ist Gott nicht der, der alles aus sicherer Entfernung beobachtet.
Sondern der, der in Jesus selbst mitten hineingegangen ist in Schmerz, Ohnmacht, Gewalt und Einsamkeit.

Nicht als Zuschauer.

Sondern als einer, der weiß, wie sich Hilflosigkeit anfühlt.

Am Kreuz schreit Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – Matthäus 27,46

Nicht einmal Jesus bekommt in diesem Moment eine schnelle Antwort.

Auch er schreit diese Warum-Frage in den Himmel.

Vielleicht heißt glauben deshalb nicht, keine Fragen mehr zu haben.
Vielleicht heißt glauben manchmal nur: Ich schreie meine Fragen nicht ins Nichts.

Ich schreie sie zu Dir.

Auch wenn ich Dich gerade nicht verstehe.
Auch wenn ich müde bin.
Auch wenn ich nicht weiß, wie lange ich das noch glauben kann.

Gott, warum greifst Du nicht ein?

Ich weiß es nicht.

Aber ich hoffe, dass Du trotzdem da bist.
Näher, als mein Herz es gerade glauben kann.

Und vielleicht ist das für heute genug:

Kein „wird schon“.
Keine fertige Erklärung.

Nur ein Gebet:

Gott, ich verstehe Dich nicht.
Aber lass mich bitte nicht allein mit dem, was ich nicht verstehe.

Amen. 🙏