Manchmal kommt morgen zu Besuch
Ihr Lieben,
manchmal kommt morgen zu Besuch.
Nicht erst morgen. Heute.
Kaum da, steht es im Flur.
Mit Schuhen voller Unruhe.
Mit Taschen voller Fragen.
Was, wenn …?
Wie soll das werden?
Reicht das Geld?
Reicht die Kraft?
Bleibt der Mensch?
Kommt die Diagnose?
Hält das, was gerade noch hält?
Und auf einmal bist Du irgendwie nicht mehr richtig in Deinem Leben.
Dein Körper ist hier. Aber Kopf und Herz sind schon unterwegs.
In Gesprächen, die noch niemand geführt hat.
In Abschieden, die vielleicht nie passieren.
In Rechnungen, die noch nicht da sind.
In Katastrophen, die Dein Kopf vorsorglich schon mal aufgebaut hat.
Nur für den Fall.
Als könnte es weniger wehtun, wenn man vorher schon mal alles durchgelitten hat.
Jesus sagt: „Sorgt euch nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.“ – Matthäus 6,34
Ich glaube nicht, dass Jesus damit meint:
Denk nicht nach. Plane nichts.
Sei naiv. Tu so, als würde schon alles irgendwie werden.
So funktioniert Leben nicht.
Wer lebt, muss vorausdenken.
Essen kaufen. Termine machen. Geld einteilen. Medikamente besorgen.
Nach Menschen schauen. Tiere versorgen.
Entscheidungen treffen.
Nur im Heute leben klingt schön.
Aber manchmal wäre das auch unpraktisch. Vielleicht sogar lieblos.
Denn wer liebt, denkt an morgen.
Nicht aus Kontrollsucht.
Sondern weil da Menschen sind, die einem nicht egal sind.
Weil manches nicht verschwindet, nur weil man die Augen schließt.
Weil Kümmern manchmal auch heißt: weiterdenken.
Vielleicht ist Sorge also nicht immer falsch.
Vielleicht zeigt sie manchmal nur: Da ist mir etwas wichtig.
Aber irgendwo kippt es.
Ganz leise manchmal.
Aus Fürsorge wird Angst.
Aus Planen wird Grübeln.
Aus Verantwortung wird ein Rucksack, den man nachts mit ins Bett nimmt.
Und plötzlich trägt man nicht mehr nur diesen einen Tag.
Sondern gleich die ganze Woche.
Den ganzen Monat.
Das Gespräch, das vielleicht kommt.
Die Nachricht, die vielleicht kommt.
Den Verlust, der vielleicht kommt.
Alles auf einmal.
Und morgen wird so groß, dass heute kaum noch Luft bekommt.
Vielleicht meint Jesus genau das.
Nicht: Morgen ist egal.
Sondern: Morgen kommt. Ich darf planen.
Aber ich muss nicht alles beherrschen.
Ich darf vorsorgen.
Aber ich muss nicht jede Möglichkeit durchleiden, bevor sie passiert.
Ich darf verantwortlich sein.
Aber ich bin nicht Gott.
Das vergesse ich manchmal.
Vielleicht Du auch.
Dann tue ich so, als wäre Angst eine Art Schutz.
Als könnte ich verhindern, was kommt, wenn ich es nur oft genug im Kopf durchspiele.
Als wäre Grübeln Vorbereitung.
Dabei macht es mich oft nur müde.
Noch bevor irgendetwas passiert ist.
Morgen darf kommen.
Es darf anklopfen. Es darf erinnern.
Es darf sagen: Hey, da ist noch etwas zu bedenken.
Aber es darf nicht den Menschen übersehen, der heute vor mir steht.
Es darf nicht diesen heutigen Tag verschlucken, nur weil der nächste unsicher ist.
Heute ist auch noch da.
Und heute tue ich, was jetzt möglich ist.
Nicht mehr.
Vielleicht ist Vertrauen manchmal genau das: Morgen nicht wegschieben.
Aber ihm auch nicht den ganzen Raum überlassen.
Also lege ich hin, was größer ist als ich.
Und bleibe hier.
Heute.
Mit Gott.
Adios bis morgen.
Mandy
