Das Kreuz. Und mein Widerstand.
Kreuze haben mich lange irritiert.
Mandys kommen bekanntlich meist aus’m Osten. Ich och. 😬 Und als ich älter wurde, so langsam ins denkfähige Alter kam und meinen Blick weiter Richtung Westen richtete, begegneten sie mir gefühlt plötzlich überall.
In Kirchen. Gedenkstellen. An Wänden. Um Hälse.
Als Schmuckstück. Als Symbol.
Und als mir irgendwer erklärte, dass Jesus daran hingerichtet wurde, dachte ich sofort:
Moment mal. Das ist ein Hinrichtungsinstrument.
Jesus wurde daran hingerichtet.
Qualvoll. Öffentlich. Brutal.
Und wir hängen dieses Instrument an Wände.
Manchmal sogar mit der Figur eines gequälten Körpers daran …
Das ist doch eigentlich verstörend.
Es klingt makaber, aber wäre er auf einem elektrischen Stuhl gestorben – würden wir uns dann kleine goldene Stühle um den Hals hängen? Würden wir das als Symbol der Hoffnung feiern?
Irgendwas daran fühlte sich für mich schräg an. Und noch schräger wurde es, als ich irgendwann hörte: „Er ist für Dich gestorben!“ – Für mich? Da zog sich innerlich etwas zusammen.
Ich will nicht, dass jemand für mich stirbt.
Ich will nicht, dass jemand meinetwegen leidet.
Das fühlt sich nicht nach Geschenk an. Eher nach einer Last.
Fast wie eine Rechnung, die ich nie begleichen kann.
Und vielleicht liegt genau da der Punkt, an dem viele innerlich aussteigen.
Ich mein, das Kreuz wirkt schnell wie ein Vorwurf.
Wie ein riesiges: „Guck mal, was Du angerichtet hast!“
Und ganz ehrlich? Wer möchte mit so einer Botschaft leben?
Aber je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr hat sich mein Blick verschoben.
Das Kreuz steht für den Moment, in dem sichtbar wird, wie Liebe reagiert, wenn sie auf Hass trifft.
Jesus wird verraten. Gedemütigt. Gefoltert. Getötet.
Und er antwortet nicht mit Gegengewalt.
Er ruft keine Armee. Er verflucht niemanden. Er schlägt nicht zurück.
Er lässt den Kreislauf an sich enden.
Und vielleicht brauchte es genau das.
In unserer Welt gilt:
Wer verletzt wird, verletzt weiter.
Wer gedemütigt wird, demütigt irgendwann selbst.
Wer leidet, gibt Leid weiter.
So dreht sich alles immer weiter.
Das Kreuz ist der Punkt, an dem einer sagt: Bis hierhin. Ich mache das Spiel nicht mit.
Ich gebe die Gewalt nicht zurück. Ich halte sie aus. Und ich lasse sie an mir auslaufen.
Das ist keine göttliche Lust am Opfer. Das ist Liebe, die stark genug ist, den Kreislauf zu unterbrechen.
Und genau deshalb hat sein Tod mit Liebe zu tun.
Nicht weil Gott jemanden bestrafen musste.
Sondern weil jemand bereit war, nicht zurückzuschlagen.
Und wenn das stimmt, dann bedeutet das:
Das Letzte, was über dieser Welt gesprochen wird, ist nicht Vergeltung.
Sondern Versöhnung.
“Gott aber beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ – Römer 5,8
