Hörst Du mich eigentlich?

Ihr Lieben,

kennt Ihr das Gefühl, wenn Ihr jemandem etwas erzählt, das Euch wirklich beschäftigt, und hinterher denkt: Irgendwie hat der andere gar nicht verstanden, was ich eigentlich sagen wollte?

Vielleicht habt Ihr von einer Sorge erzählt. Von einer schwierigen Entscheidung. Oder davon, dass Euch gerade einfach alles zu viel wird.

Und statt einer Nachfrage kommt ein gut gemeinter Ratschlag.

Oder ein Bibelvers.

Vielleicht auch ein Link zu einem Lied, eine Predigt oder der Satz: „Vertrau auf Gott. Er hat alles in der Hand.“

Und eigentlich ist daran ja nichts falsch.

Aber manchmal sitzt man dann da und denkt:

Ich wollte doch einfach nur mit Dir reden.

Versteht mich nicht falsch. Ich glaube an Gott. Ich finde in der Bibel immer wieder Gedanken, die mich berühren, herausfordern oder mir Mut machen. Und manchmal ist es ein Lied, das genau im richtigen Moment kommt.

Aber ich frage mich, ob man manchmal so sehr damit beschäftigt sein kann, etwas von Gott weiterzugeben, dass man den Menschen darüber aus dem Blick verliert.

Da erzählt jemand von seiner Angst und hört: „Du musst nur mehr vertrauen.“

Vielleicht vertraut er längst.
Vielleicht betet er jeden Abend.
Vielleicht kennt er die Bibelstelle sogar auswendig.

Und vielleicht hat er trotzdem Angst.

Wenn man immer wieder solche Antworten bekommt, wird aus Enttäuschung irgendwann vielleicht Ärger. Manchmal sogar richtige Wut. Und dann kommt noch das schlechte Gewissen dazu.

Warum ärgere ich mich eigentlich über einen Bibelvers? Bin ich undankbar? Sollte mich das nicht trösten? Bin ich vielleicht nicht gläubig genug?

Dabei richtet sich die Wut möglicherweise gar nicht gegen Gott oder die Bibel.

Sondern gegen das Gefühl, mit dem, was einen wirklich beschäftigt, nicht gehört zu werden.

Und ich finde, das ist ein gewaltiger Unterschied.

Natürlich gibt es Menschen, für die Bibelverse und Segenswünsche eine vertraute Art sind, Zuneigung auszudrücken. Vielleicht fällt es ihnen schwer, über Gefühle zu sprechen. Vielleicht haben sie schon immer auf diese Weise Trost und Hoffnung weitergegeben.

Und das kann von Herzen kommen.

Ich möchte das überhaupt nicht kleinreden.

Aber vielleicht fehlt manchmal etwas ganz Einfaches.

Eine ehrliche Frage.

„Was ist denn los?“
„Wie gehts Dir damit?“
„Magst Du erzählen?“

In der Bibel begegnet Jesus einem blinden Mann namens Bartimäus. Der sitzt am Straßenrand und ruft nach ihm.

Jesus bleibt stehen und fragt:

„Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ (Markus 10,51)

Ich finde diese Frage bemerkenswert.

Jesus hätte doch einfach handeln können. Schließlich war offensichtlich, dass der Mann blind war.

Aber er fragt.

Er gibt Bartimäus die Möglichkeit, selbst zu sagen, was er braucht.

Vielleicht kann ich mir davon etwas abschauen.

Nicht sofort eine Antwort haben müssen. Nicht gleich überlegen, welcher Bibelvers passen könnte.

Sondern erstmal zuhören.

Und vielleicht auch aushalten, dass jemand traurig, wütend oder verzweifelt ist, obwohl er an Gott glaubt.

Denn Glaube nimmt einem Menschen nicht automatisch jede Angst. Und Vertrauen bedeutet nicht, dass es keine schweren Tage mehr gibt.

Manchmal ist es leichter, über Gottes Liebe zu reden, als einem Menschen Aufmerksamkeit zu schenken.

Und vielleicht lohnt sich deshalb eine unbequeme Frage:

Kann es sein, dass ich jemandem von Gottes Liebe erzähle, während er sich von mir gerade überhaupt nicht gesehen fühlt?

Denn Liebe zeigt sich nicht nur in schönen Worten. Sondern auch darin, wie ich einem Menschen begegne.

Ob ich nachfrage. Ob ich zuhöre. Ob ich mich wirklich für das interessiere, was ihn beschäftigt.

Vielleicht braucht jemand heute keinen weiteren Bibelvers.

Nicht, weil ihm Gottes Wort nichts bedeutet. Sondern weil er gerade etwas anderes braucht

Vielleicht möchte er einfach spüren, dass auch ein Mensch sich für ihn interessiert.

 

Bis morgen, Ihr Lieben. ❤️

Mandy