Der Hochstapler im Kopf

Manchmal braucht es gar keinen echten Hochstapler. Es reicht schon, wenn der eigene Kopf einem einredet, man wäre einer.

Ich bin über einen Begriff gestolpert, den ich zwar schon mal gehört hatte, aber nie genauer angeschaut habe:

Hochstapler-Phänomen. (auch Impostor-Syndrom genannt)

Und nein, dabei geht es nicht um Menschen, die sich einen Doktortitel ausdenken oder so tun, als hätten sie Millionen auf dem Konto.

Es geht um Menschen, die tatsächlich etwas können.

Die etwas geschafft haben.
Die gute Arbeit machen.
Die von anderen geschätzt werden.

Und die trotzdem denken:

Wenn die wüssten, dass ich eigentlich gar nicht so gut bin, wie sie glauben.

Manche erklären ihre Erfolge mit Glück.
Mit Zufall. Mit gutem Timing.

Nur ziemlich selten mit sich selbst.

Und ich fand das interessant.

Weil ich dieses Gefühl selbst so nicht kenne.

Aber je mehr ich darüber gelesen habe, desto mehr habe ich gedacht: Wie anstrengend muss es eigentlich sein, wenn man ständig Beweise für das eigene Können bekommt – und sie innerlich trotzdem nicht gelten lässt?

Wenn ein Lob ankommt und der Kopf sofort antwortet: Na ja. Wenn Du wüsstest.

Wenn man etwas richtig gut macht und trotzdem denkt: Diesmal bin ich irgendwie damit durchgekommen.

Als würde irgendwo im Hintergrund ständig jemand kontrollieren, ob man wirklich das Recht hat, dort zu stehen, wo man gerade steht.

Dabei wissen wir über uns selbst natürlich mehr als über andere.

Wir kennen jeden Umweg. Jeden Fehler.
Jeden Moment, in dem wir keinen Plan hatten.

Bei anderen sehen wir häufig nur das Ergebnis.

Vielleicht wirken Menschen deshalb von außen manchmal viel souveräner, als sie sich innen fühlen.

Und vielleicht betrifft das nicht nur Arbeit oder Erfolg.

Vielleicht kennen manche dieses Gefühl sogar im Glauben.

Die anderen wirken sicher. Kennen die richtigen Worte.
Wissen scheinbar, wie Beten geht, wie Glauben geht, wie Gott geht.

Und man selbst denkt: Wenn die wüssten, wie viele Fragezeichen hier drin sind.

Dabei ist dieses Gefühl gar nicht so neu.

Mose sagt zu Gott: „Ach, Herr, ich bin kein Mann, der gut reden kann …“ – 2. Mose 4,10

Er sieht zuerst das, was ihm fehlt.

Seine Unsicherheit. Seine Grenze.
Das, was er sich selbst nicht zutraut.

Und Gott sieht trotzdem mehr.

Vielleicht ist genau das manchmal der Unterschied zwischen unserem Blick auf uns selbst und Gottes Blick auf uns.

Wir sehen die Lücken. Gott sieht vielleicht längst auch das, was trotzdem da ist.

Nicht nur das, was noch fehlt.
Sondern auch das, was schon gewachsen ist.
Was wir gelernt haben. Was wir längst können.

Vielleicht darf ein Mensch gleichzeitig etwas können und unsicher sein.

Etwas erreicht haben und trotzdem noch lernen.

Glauben und Fragen haben.

Und vielleicht müssen wir manchmal sogar lernen, etwas anzunehmen, das für andere längst sichtbar ist:

Dass wir nicht zufällig dort stehen, wo wir stehen.

In diesem Sinne … bis morgen!
Mandy