“Mir würde das nie passieren!”
Ihr Lieben, manche Nachrichten gehen einem nach.
Man liest sie vielleicht nur kurz, während man gerade mit was anderem beschäftigt ist. Beim Kaffee. In der Bahn. Vor dem nächsten Termin.
Trotzdem bleiben sie hängen …
Letzte Woche ist in Schorndorf, bei Stuttgart, ein kleines Kind gestorben. 20 Monate alt. Es blieb mehrere Stunden in einem Auto zurück. Bei Hitze.
Die Mutter soll währenddessen bei der Arbeit gewesen sein. Nach bisherigen Berichten könnte sie gedacht haben, sie habe ihr Kind morgens in der Kita abgegeben. Ob es wirklich so war, müssen die Ermittlungen klären.
Am Nachmittag fand sie es leblos im Wagen. Wiederbelebungsversuche blieben vergeblich.
Ich habe diese Nachricht gelesen und gemerkt, wie schnell in mir hochkam: Wie kann so etwas passieren?
Und gleich danach: Mir würde das nie passieren!
Vielleicht ist dieser Satz nicht nur hart. Vielleicht ist er auch Schutz.
Denn der andere Gedanke ist schwer auszuhalten: Dass ein Mensch etwas Furchtbares tun kann, ohne furchtbar sein zu wollen.
Und ja, es gibt auch die andere Möglichkeit: Dass ein Mensch etwas Furchtbares tut und weiß, was er tut.
Auch das müssen Ermittlungen klären.
Vielleicht ist genau deshalb Vorsicht so wichtig. Mit schnellen Urteilen. In beide Richtungen.
Falls sich bestätigt, dass es kein absichtliches Zurücklassen war, wird in solchen Zusammenhängen manchmal vom „Forgotten-Baby-Syndrom“ gesprochen.
Als ich diesen Begriff las, blieb ich hängen.
Erst dachte ich: Muss man jetzt wirklich für alles einen Namen haben?
Aber vielleicht ist ein Name nicht immer eine Ausrede.
Und „Syndrom“ heißt hier nicht einfach: Krankheit. Nicht: Da kann niemand etwas dafür. Nicht: Verantwortung ist vom Tisch.
Psychologen beschreiben damit eher, dass unser Gehirn in bestimmten Situationen in eine Art Autopilot geraten kann. Routine. Müdigkeit. Ein veränderter Ablauf. Und plötzlich ist ein Mensch innerlich sicher:
Ich habe getan, was ich tun wollte.
Auch wenn es nicht stimmt.
Das macht nichts ungeschehen.
Es nimmt den Schmerz nicht weg.
Es spricht niemanden einfach frei.
Aber es nimmt mir ein Stück von meinem schnellen Urteil.
Wir glauben gern, wir hätten uns im Griff. Unsere Liebe. Unsere Aufmerksamkeit. Unsere Abläufe. Unsere Wege.
Morgens los. Tür zu. Kopf voll. Termine im Nacken.
Und manchmal übernimmt der Alltag uns.
Diese vertrauten Routinen. Diese Wege, die der Körper kennt. Dieses innere Weiterlaufen, obwohl man selbst kaum noch hinterherkommt.
Man funktioniert.
Und genau das ist manchmal das Erschreckende.
In Psalm 103 steht: „Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er denkt daran, dass wir Staub sind.“
Staub.
Nicht Maschinen.
Nicht unfehlbar.
Nicht immer wach, klar, sortiert und zuverlässig.
Staub, der liebt.
Staub, der trägt.
Staub, der versagen kann.
Manchmal finde ich uns Menschen wirklich erstaunlich.
Wir bauen Städte. Operieren Herzen. Schicken Nachrichten einmal um die Welt. Organisieren Familien, Jobs, Pflege, Termine, Konten, Einkäufe, Medikamente, Wege.
Wir können so unfassbar viel.
Und gleichzeitig stehen wir im Flur und wissen nicht mehr, warum wir da eigentlich hingegangen sind.
Wir suchen unser Handy, während wir es in der Hand halten. Wir legen Dinge „nur kurz“ irgendwo hin – und finden sie nicht wieder.
Großartig und begrenzt zugleich.
Nicht dumm.
Nicht lieblos.
Nicht egal.
Nur Mensch.
Vielleicht beginnt Demut genau da: nicht bei dem Satz „Mir würde das nie passieren“, sondern wenn einem klar wird: Ich bin auch nur ein Mensch.
Und vielleicht sind kleine Sicherungen dann keine Übertreibung.
Eine Erinnerung im Handy.
Ein Zettel an der Tür.
Ein kurzer Blick zurück.
Ein Mensch, der mitdenkt.
Ein „Kannst du mich bitte daran erinnern?“
Kein Misstrauen.
Eher ein kleines Geländer für unser wackeliges Menschsein.
Und ganz schlicht: Bitte lasst keine Kinder, keine hilfsbedürftigen Menschen und keine Tiere im Auto zurück. Nicht „nur kurz“. Nicht „im Schatten“. Nicht „mit Fenster einen Spalt offen“. 🚗
Ein Auto wird schneller zur Falle, als man denkt.
Vielleicht ist Liebe manchmal nicht nur ein großes Gefühl.
Vielleicht ist Liebe auch ein kleiner, nüchterner Handgriff.
Noch einmal nachsehen.
Noch einmal fragen.
Noch einmal nicht der eigenen Sicherheit trauen.
Nicht aus Angst.
Sondern weil Leben kostbar ist. ❤️
Komm’ gut durch den Sommer!!
Mandy

22. Juni 2026 @ 9:07
Wiedermal ein tolles Seelenfutter! Danke! ❤️