Falsches Kreuz?
Es gibt Fragen, bei denen man inzwischen fast vorher weiß, dass es ungemütlich werden könnte.
„Und was wählst Du?“
Die Antwort besteht vielleicht nur aus drei Buchstaben.
AfD.
Und plötzlich verändert sich etwas.
Für manche ist damit eigentlich schon alles gesagt. Der Mensch gegenüber wird innerhalb weniger Sekunden einsortiert: rechts. Wütend. Ungebildet. Rassistisch. Protestwähler. Oder gleich alles zusammen.
Andersherum funktioniert es genauso.
Grün? Dann bist Du vermutlich weltfremd.
Links? Naiv.
CDU? Altmodisch.
Und irgendwann reden nicht mehr Menschen miteinander, sondern Schubladen gegeneinander.
Gerade nach Wahlen merkt man, wie tief diese Gräben inzwischen geworden sind. Die einen jubeln. Andere sind erschrocken. Manche haben Angst vor dem, was politisch kommen könnte. Andere sagen: Endlich hört uns mal jemand zu.
Und natürlich dürfen wir darüber streiten. Vielleicht müssen wir es sogar.
Demokratie braucht Widerspruch.
Nicht jede politische Forderung ist harmlos. Nicht jede Aussage verdient ein freundliches Schulterzucken. Menschenfeindlichkeit wird nicht dadurch weniger menschenfeindlich, dass sie demokratisch gewählt wurde.
Toleranz bedeutet nicht, alles richtig zu finden.
Und trotzdem frage ich mich:
Wann haben wir angefangen zu glauben, wir würden einen Menschen kennen, nur weil wir wissen, wo er sein Kreuz gemacht hat?
Vielleicht hat jemand aus Überzeugung gewählt. Vielleicht aus Wut. Vielleicht aus Angst. Aus Protest. Vielleicht fühlt er sich seit Jahren nicht gehört.
Vielleicht glaubt er Dinge, denen ich entschieden widerspreche. Vielleicht liegt er mit vielem daneben. Und vielleicht liege auch ich manchmal falsch.
Das macht nicht jede Meinung gleich richtig.
Aber es erinnert mich daran, dass hinter jedem Kreuz auf einem Wahlzettel ein Mensch sitzt, dessen Geschichte ich nicht kenne.
Und vielleicht beginnt genau dort das Schwierige.
Denn es ist leicht, einen Menschen abzuschreiben, wenn ich ihn nicht mehr als Menschen sehen muss. Wenn er nur noch „der Rechte“, „die Linke“, „der Grüne“ oder „der AfD-Wähler“ ist, muss ich mich mit ihm nicht mehr beschäftigen.
Ich muss nicht mehr zuhören. Ich muss nicht fragen, woher seine Angst kommt. Ich muss nicht herausfinden, warum er etwas glaubt.
Ich muss nur noch mein Etikett aufkleben.
Schubladen sparen verdammt viel Arbeit.
In der Bibel steht ein Satz, der heute fast ein bisschen aus der Zeit gefallen wirkt:
„Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.“
– Jakobus 1,19
Schnell zum Hören.
Nicht schnell zum Antworten. Nicht schnell zum Empören. Nicht schnell zum Teilen. Nicht schnell zum Einordnen.
Zum Hören.
Vielleicht bedeutet Zuhören manchmal sogar, einem Menschen lange genug zuzuhören, bis ich verstehe, warum er etwas denkt – obwohl ich danach noch immer sage:
Nein. Da gehe ich nicht mit.
Das eine schließt das andere nicht aus.
Ich kann versuchen zu verstehen, ohne zuzustimmen. Ich kann widersprechen, ohne zu verachten.
Ich kann eine politische Haltung ablehnen, ohne daraus zu schließen, dass der ganze Mensch nichts mehr wert ist.
Jesus war darin ziemlich unbequem.
Er setzte sich mit Menschen an einen Tisch, die andere längst abgeschrieben hatten. Mit Zöllnern, die für die römische Besatzungsmacht arbeiteten. Mit Frommen. Mit Außenseitern. Mit Menschen, bei denen viele vermutlich gesagt hätten: Mit denen doch nicht.
Und selbst unter seinen engsten Leuten saßen Menschen nebeneinander, die politisch vermutlich Welten trennten: Matthäus, der frühere Zöllner und damit Teil des römischen Systems – und Simon, der Zelot, ein Mann aus einem Umfeld, das sich gegen eben diese römische Herrschaft stellte.
Menschen, die politisch vermutlich nicht selbstverständlich am selben Tisch gelandet wären.
Bei Jesus schon.
Vielleicht ist das einer der Gedanken, die wir gerade wieder brauchen:
Ein gemeinsamer Tisch bedeutet nicht automatisch eine gemeinsame Meinung.
Manchmal bedeutet er nur:
Ich erkenne an, dass Du ein Mensch bist.
Dass Du mehr bist als Deine politische Entscheidung.
Dass ich Dir widersprechen darf, ohne Dich aus meiner Vorstellung von Menschlichkeit zu streichen.
Vielleicht ist genau das momentan die schwierigere Form von Haltung.
Nicht lauter zu werden. Nicht jeden überzeugen zu müssen. Sondern auszuhalten, dass jemand anders denkt – und trotzdem im Gespräch zu bleiben, solange Gespräch möglich ist.
Denn natürlich gibt es Grenzen.
Wo Menschen bedroht, erniedrigt oder entrechtet werden sollen, reicht ein freundliches „Wir sehen das eben unterschiedlich“ nicht.
Haltung braucht Grenzen.
Aber vielleicht braucht sie ebenso etwas anderes:
Neugier. Zuhören. Die Bereitschaft, hinter eine Meinung zu schauen.
Und die Demut zu wissen, dass auch meine eigene Sicht nicht automatisch dadurch vollkommen wird, dass ich sie für die richtige halte.
Vielleicht zeigt sich Demokratie deshalb nicht nur darin, wo wir unser Kreuz machen.
Sondern auch darin, was danach passiert.
Ob wir den anderen noch ansehen können. Ob wir noch miteinander reden. Ob wir noch zuhören.
Oder ob drei Buchstaben reichen, damit aus einem Menschen nur noch „einer von denen“ wird.
Komm gut durch den Tag.
Mandy

16. September 2026 @ 5:27
Vielen Dank für Deine Gedanken.
Ich denke auch, dass die größte Gefahr für eine Demokratie nicht der anders Denkende ist, sondern dass man nicht mehr miteinander spricht.
Der Vers aus Jakobus passt da echt prima hin.
Wir sind oft viel zu schnell dabei einzusortieren (oder sogar eher auszusortieren) als dass wir zuhören, prüfen und das Gute behalten 😉
Ich wünsche mir, dass wir im Austausch bleiben und alle bereit sind, uns hinterfragen zu lassen, egal wieviel Buchstaben die Partei hat die ich wähle und ob ich überhaupt noch eine Partei finde, die ich mit gutem Gewissen wählen kann…
16. September 2026 @ 5:27
Danke Mandy, dass Du uns immer wieder ermutigst, den Menschen hinter allen Äußerlichkeiten zu sehen…denn wir alle wollen ja auch als Mensch wahrgenommen werden….wir dürfen jeden Tag neu falsche Denkweisen korrigieren! Danke, Du spornst uns alle an, tiefer und hinter Fassaden zu schauen …auch bei uns selbst 🫂😇
Segenregen 🎊❎🙏