Nicht mein Problem.
Nicht mein Problem.
Drei Wörter, die manchmal vernünftig sind. Und manchmal ziemlich bequem.
Wir können nicht alles tragen. Nicht jedes Leid zu unserem machen. Nicht jedem Menschen helfen. Wer versucht, überall verantwortlich zu sein, geht irgendwann selbst daran kaputt.
Abgrenzung ist wichtig.
Aber Abgrenzung und Gleichgültigkeit sehen sich von außen manchmal verdammt ähnlich.
Da sitzt jemand jeden Morgen am Bahnhof und trinkt. Nebenan schreit ein Paar regelmäßig so laut, dass man es durch die Wand hört. Ein Mensch wirkt seit Wochen völlig verändert. Jemand wird vor unseren Augen schlecht behandelt.
Und wir denken: Nicht mein Problem.
Vielleicht meinen wir eigentlich: Ich will da nicht hineingezogen werden. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich habe Angst, mich einzumischen. Ich möchte meinen Frieden.
Oder sogar: Wenn ich genauer hinsehe, könnte ich mich verantwortlich fühlen.
In der Bibel gibt es einen Satz, der fast erschreckend gut in unsere Zeit passt.
Gott fragt Kain nach seinem Bruder Abel:
„Wo ist dein Bruder Abel?“
Kain antwortet:
„Woher soll ich das wissen? Ist es etwa meine Aufgabe, ständig auf ihn aufzupassen?“
– 1. Mose 4,9
Kain weiß sehr genau, wo Abel ist. Deshalb ist seine Antwort mehr als eine Lüge.
Sie ist eine Haltung.
Was geht mich der andere an?
Vielleicht steckt darin eine der ältesten Fragen überhaupt: Wie viel Verantwortung haben wir füreinander?
Wahrscheinlich lässt sich das gar nicht sauber beantworten.
Denn natürlich kann ich nicht jedes Problem eines anderen zu meinem machen. Ich kann nicht jeden auffangen, nicht jede falsche Entscheidung verhindern und nicht jedes Leben wieder geraderücken.
Aber Verantwortung beginnt vielleicht auch gar nicht erst dort, wo ich etwas lösen kann.
Vielleicht beginnt sie schon dort, wo ich etwas wahrnehme.
In dem Moment, in dem ich merke: Da stimmt etwas nicht. Und dann entscheiden muss, ob ich weitergehe – oder wenigstens kurz stehenbleibe.
Denn manchmal ist „nicht mein Problem“ tatsächlich eine gesunde Grenze. Und manchmal ist es nur die angenehmere Form von: Ich möchte lieber nicht so genau hinsehen.
Verantwortung muss nicht bedeuten, jemanden zu retten.
Vielleicht bedeutet sie manchmal nur: wahrnehmen. Nicht wegsehen. Nachfragen. Etwas ansprechen. Hilfe holen, wenn jemand offensichtlich in Gefahr ist.
Oder einen Menschen nicht auf das zu reduzieren, was gerade mit ihm los ist.
Denn auch das passiert schnell:
Der Betrunkene. Die Verrückte. Der schwierige Nachbar. Der Obdachlose. Der Jugendliche, der ständig Ärger macht.
Aus Menschen werden Fälle.
Und Fälle lassen sich leichter ignorieren.
Vielleicht schützt uns dieser Abstand sogar ein bisschen. Denn sobald der Mensch wieder ein Gesicht bekommt, wird es komplizierter.
Dann sitzt dort nicht mehr „der Obdachlose“. Dann sitzt da jemand, der friert.
Nicht „die komische Nachbarin“. Sondern ein Mensch, bei dem vielleicht gerade etwas zerbricht.
Und plötzlich reicht „nicht mein Problem“ nicht mehr ganz so leicht.
Das bedeutet noch immer nicht, dass wir alles lösen können.
Vielleicht ist genau das unser Denkfehler: Wir glauben, nur zwei Möglichkeiten zu haben.
Entweder ich übernehme Verantwortung für alles. Oder ich bin gar nicht zuständig.
Dazwischen liegt aber ziemlich viel.
Ich kann sagen: Ich kann Dein Leben nicht retten. Ich weiß nicht einmal, was Du gerade brauchst. Vielleicht kann ich Dir überhaupt nicht helfen.
Aber Du bist mir nicht egal.
Und vielleicht ist das die eigentliche Gegenfrage zu Kain.
Nicht: Ist es etwa meine Aufgabe, ständig auf ihn aufzupassen?
Sondern: Was passiert mit uns, wenn uns unser Bruder irgendwann überhaupt nichts mehr angeht?
Denn aus „nicht mein Problem“ wird irgendwann vielleicht „nicht meine Verantwortung“. Dann „nicht meine Sache“.
Und irgendwann merken wir vielleicht gar nicht mehr, dass da überhaupt noch ein Mensch steht.
Vielleicht sollten wir spätestens dort hellhörig werden.
Hab einen guten Tag, an dem Du siehst und gesehen wirst!
Mandy
