Der Schaumkuss und wir
Der Schaumkuss und wir
Da ist er.
Schokolade außen. Schaum innen. Waffel unten.
Schaumkuss. Schokokuss. Wie auch immer Du ihn nennst.
Eigentlich ziemlich unspektakulär.
Und trotzdem kann man mit seiner Bezeichnung erstaunlich schnell einen ganzen Raum in zwei Lager teilen.
Denn viele kennen dafür noch ein anderes Wort. Ein Wort, das heute deutlich seltener benutzt wird. Und über das erstaunlich viel gestritten wird.
„Aber so haben wir das doch früher immer genannt.“
Stimmt. Haben viele.
Beim Schaumkuss. Beim sogenannten Zigeunerschnitzel. Und bei anderen Begriffen, bei denen wir heute plötzlich merken: Da hängt mehr dran als nur ein paar Buchstaben.
Ich glaube, genau das macht solche Diskussionen manchmal so anstrengend.
Denn wir verteidigen oft gar nicht nur ein Wort. Wir verteidigen ein Stück Vergangenheit. Unsere Kindheit vielleicht. Unsere Gewohnheiten. Das Gefühl: So war es doch immer.
Und wenn jemand sagt, dass etwas davon heute anders gesehen wird, fühlt es sich manchmal fast so an, als würde er uns persönlich kritisieren.
Dabei meint Veränderung nicht automatisch: Du warst früher ein schlechter Mensch.
Vielleicht heißt Veränderung manchmal einfach nur: Heute weißt Du mehr.
Das N-Wort ist dafür ein ziemlich hartes Beispiel.
Viele wissen inzwischen: Das sagt man nicht.
Aber ich glaube ehrlich gesagt, viele wissen gar nicht genau, warum. Woher dieses Wort kommt. Was Menschen damit erlebt haben. Welche Geschichte darin steckt.
Und vielleicht ist genau das wichtig.
Denn Sprache ist nicht nur Sprache.
Wörter sammeln etwas ein: Erfahrungen. Bilder. Verletzungen. Geschichte.
Ein Wort kann für mich einfach nach früher klingen. Nach Süßigkeiten vom Kiosk. Nach Imbiss. Nach Oma. Nach Kindheit.
Und für einen anderen Menschen nach etwas völlig anderem.
Nach Ausgrenzung. Nach dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Nach dem Gefühl: Du bist weniger wert.
Und irgendwie finde ich genau das spannend.
Denn wir Menschen beurteilen Worte meistens nach unserer Absicht.
„Ich meine das doch gar nicht böse.“
Und wahrscheinlich stimmt das sogar oft.
Die meisten Menschen wachen morgens nicht auf und überlegen sich, wen sie heute verletzen könnten.
Wir reden einfach. So, wie wir es gelernt haben. So, wie alle um uns herum geredet haben. So, wie es für uns normal war.
Aber vielleicht liegt genau da ein Denkfehler.
Meine Absicht entscheidet nicht allein darüber, was beim anderen ankommt.
Das kennen wir doch eigentlich alle.
Jemand sagt etwas. Für ihn nur ein Satz. Für uns trifft es genau eine alte Stelle.
Vielleicht wusste er davon nicht mal etwas. Vielleicht wollte er gar nichts Böses. Und trotzdem tut’s weh.
Ich glaube, das ist einer der schwierigsten Teile im menschlichen Miteinander: Zu akzeptieren, dass wir jemanden verletzen können, ohne verletzen zu wollen.
Und dann nicht sofort in Verteidigung zu gehen.
Nicht gleich:
„So war das doch gar nicht gemeint.“
„Jetzt stell Dich nicht so an.“
„Das hat früher auch keinen gestört.“
Sondern vielleicht erstmal: Okay. Erzähl mir mehr!
Ich finde, dafür braucht es keine perfekte politische Haltung. Nicht mal dieselbe Meinung.
Vielleicht braucht es erstmal nur Neugier.
Und Respekt.
In der Bibel steht ein ziemlich großer Satz:
„Worte haben Macht: Sie können über Leben und Tod entscheiden.“
Sprüche 18,21
Früher fand ich solche Sätze schnell ein bisschen dramatisch.
Heute nicht mehr.
Denn Worte können wirklich etwas mit Menschen machen. Sie können tragen. Sie können klein machen. Sie können Hoffnung geben. Und manche bleiben Jahre hängen. Vielleicht sogar Jahrzehnte.
Ich glaube an einen Gott, der Menschen nicht zuerst in Kategorien sieht.
Nicht oben und unten. Nicht wertvoller und weniger wertvoll.
Sondern als Menschen.
Gesehen. Gewollt. Mit Würde.
Und vielleicht verändert dieser Gedanke auch ein bisschen, wie ich mit Sprache umgehe.
Nicht aus Angst, was Falsches zu sagen.
Sondern aus der Frage: Wie möchte ich mit Menschen umgehen?
Vielleicht geht es deshalb am Ende gar nicht zuerst um: „Darf ich das noch sagen?“
Sondern eher um: „Was sage ich damit?“
Und vielleicht ist es manchmal gar kein Verlust, ein altes Wort loszulassen.
Vielleicht ist es einfach ein kleines Stück Respekt.
Der Schaumkuss schmeckt jedenfalls noch genauso.
Segenregen für Dich. 🌧️✨
Mandy
