Wir wissen zu viel.
Es gab eine Zeit, da wusste ein Mensch vor allem das, was vor seiner Haustür geschah.
Im eigenen Dorf. Im Nachbarhaus. Auf dem Markt.
Das Leben spielte sich in einem überschaubaren Radius ab.
Heute ist das anders.
Heute weiß ich, was am anderen Ende der Welt passiert – noch bevor mein Kaffee kalt ist.
Ich lese von Kriegen. Von politischen Spannungen. Von Katastrophen.
Von Menschen, die alles verlieren.
Und während ich das lese, sitze ich einfach nur am Küchentisch und überlege, wann ich das Rezept aus der Apotheke abhole, dass ich noch einkaufen muss, bevor ich zu Toby ♿️ gehe, dass das Bad auch mal wieder geputzt werden müsste – während Bambi 🐾 ungeduldig an mir hochhüpft, weil sie endlich raus will. So ganz normale Dinge eben.
Und trotzdem fühlt sich plötzlich alles irgendwie strange an.
Mein Kopf weiß plötzlich Dinge, die mein Herz kaum tragen kann.
Vielleicht kennst Du dieses Gefühl auch. Man scrollt durch die Nachrichten und irgendwo zwischen der dritten und vierten Meldung merkt man plötzlich: Das ist alles zu viel. Nicht, weil es uns egal ist. Sondern weil jeder von uns auch seinen eigenen Kram im Kopf hat. Und weil unser Herz Grenzen hat.
Der Psychologe Paul Slovic beschreibt ein interessantes Phänomen. Er nennt es „psychische Abstumpfung“.
Wenn wir von einem einzelnen Menschen hören, der leidet, fühlen wir meist Mitgefühl. Wenn wir von tausend hören, beginnt unser Gefühl oft schon nachzulassen. Und bei Millionen? Dann wird es für unser Gehirn irgendwann nur noch eine Zahl. Nicht, weil wir schlechte Menschen sind. Sondern weil unser Herz Grenzen hat.
Vielleicht erklärt das auch etwas von der Stimmung unserer Zeit.
Warum viele Menschen müde wirken.
Warum Diskussionen schnell eskalieren.
Warum manche nur noch wütend reagieren und andere sich komplett zurückziehen.
Unser Kopf weiß plötzlich viel mehr, als unsere Seele verarbeiten kann.
Und dann denke ich manchmal an die Bibel. Diese Texte wurden in einer Welt geschrieben, die mit unserer kaum zu vergleichen ist. Keine Smartphones. Keine Nachrichten im Sekundentakt. Keine Bilderflut aus sämtlichen Krisenherden dieser Erde.
Die Menschen damals lebten in kleinen Gemeinschaften. Ihr Horizont war enger.
Und trotzdem hat sich der Mensch vermutlich weniger verändert, als wir denken.
Unsere Welt ist größer geworden. Aber unser Herz nicht.
Wir können heute in Sekunden erfahren, was auf der anderen Seite des Planeten passiert. Aber unser Inneres funktioniert noch immer wie vor tausenden Jahren. Wir fühlen mit einzelnen Menschen. Mit Gesichtern. Mit Geschichten. Aber nicht mit Zahlen. Nicht mit Millionen.
Vielleicht liegt genau darin ein Teil unserer Überforderung. Die Welt ist größer geworden, als unser Herz tragen kann. Und vielleicht ist genau deshalb ein Satz von Jesus bis heute so erstaunlich aktuell: „Deshalb sorgt euch nicht um morgen – der nächste Tag wird für sich selber sorgen! Es ist doch genug, wenn jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten mit sich bringt.“ – Matthäus 6, 34
Vielleicht ist das kein Aufruf, die Augen vor der Welt zu verschließen. Vielleicht ist es eher eine Erinnerung daran, dass ein Mensch nicht dafür gemacht ist, alles gleichzeitig zu tragen. Sondern Tag für Tag zu leben. Und das Gute nicht aus den Augen zu verlieren, das direkt vor ihm liegt.
Hab einen guten Tag!
Mandy
