Wenn Lügen funktioniert
Gestern haben wir ziemlich klein angefangen. Mit Ausreden, Beschönigen, Weglassen. Mit diesen Momenten, in denen Wahrheit einfach unangenehm ist.
Heute wird’s unangenehmer.
Denn eine Lüge kann nicht nur funktionieren. Sie kann Erfolg haben.
Du erzählst etwas, das nicht stimmt. Niemand merkt es. Niemand fragt nach. Vielleicht bekommst Du sogar genau das, was Du wolltest: Ruhe. Anerkennung. Mitleid. Einen Vorteil. Oder einfach keine Konsequenzen.
Und dann passiert etwas ziemlich Menschliches:
Das Gehirn merkt sich, was funktioniert.
Beim ersten Mal ist da vielleicht noch dieses ungute Gefühl im Bauch. Die Angst, dass jemand nachfragt. Dass Du Dich verplapperst. Dass die Wahrheit rauskommt.
Beim nächsten Mal kennst Du den Weg schon.
Und irgendwann wird aus etwas, das einmal eine Grenze war, eine Möglichkeit.
Das bedeutet nicht, dass jeder, der einmal mit einer Lüge durchkommt, automatisch ständig lügt. So einfach sind Menschen nicht.
Aber Wiederholung kann etwas verändern. Die Hemmung wird kleiner. Die Geschichte lässt sich leichter erzählen. Man weiß, welche Fragen kommen könnten, welche Details glaubwürdig wirken und was das Gegenüber hören möchte.
🫣 Genau da wirds gefährlich.
Denn Erfolg fühlt sich selten wie eine Warnung an.
Er fühlt sich erstmal nach Erfolg an.
Die Bibel beschreibt diesen Unterschied ziemlich schlicht:
„Wahrheit besteht für immer, Lüge nur einen Augenblick.“
Sprüche 12,19
Ein Augenblick kann allerdings ziemlich lang sein.
Manche Lügen halten Tage. Manche Jahre. Manche werden von vielen Menschen geglaubt.
Und je länger sie funktionieren, desto vertrauter kann sich die eigene Version anfühlen.
Irgendwann geht es vielleicht nicht mehr nur um:
„Ich sage nicht die Wahrheit, weil ich Angst habe.“
Sondern um:
„Ich weiß, dass ich damit etwas erreichen kann.“
Dann wird die Lüge zum Werkzeug.
Jemand erzählt genau das, was Dich beruhigt. Oder das, was Dich wütend auf jemand anderen macht. Informationen werden weggelassen, verdreht oder passend ergänzt.
Und während einer denkt: Damit komme ich durch, passiert auf der anderen Seite etwas anderes.
Jemand glaubt ihm.
Jemand vertraut.
Jemand trifft Entscheidungen auf Grundlage einer Geschichte, die nicht stimmt.
Deshalb ist Lügen nicht nur eine Sache zwischen mir und meinem Gewissen. Es betrifft immer auch andere.
Vielleicht lohnt es sich heute mal, ohne Selbstverurteilung hinzuschauen:
Wo habe ich gelernt, dass eine kleine Unwahrheit leichter ist als eine unangenehme Wahrheit?
Und wo habe ich bei anderen schon gespürt: Irgendetwas stimmt hier nicht – obwohl ich es noch gar nicht beweisen konnte?
Morgen schauen wir genau dahin.
Zu Menschen, denen wir eine Lüge vielleicht gerade deshalb nicht zutrauen, weil sie so glaubwürdig wirken.
Hab einen schönen Tag. ❤️
Mandy
Themenwoche vom September 2026:
Übers Lügen

8. September 2026 @ 7:12
Mir gefällt diese Woche schon jetzt denn ich glaube jeder hstte schon einmal Kontakt mit der Lüge im Leben.
Ich finde es aber verrückt das wir dieses erlernen sozusagen . Kinder unter 3 Jahren so ca. Lügen nicht .
Deswegen mag ich den Kindermund so sehr. Ehrlich direkt basta.
Danke Mandy für dein Seelenfutter.
8. September 2026 @ 18:01
Liebe Kerstin, ja, genau das finde ich auch spannend: Wir kommen offenbar nicht als perfekte kleine Lügner auf die Welt. Vieles entwickelt sich erst damit, dass wir lernen, was andere wissen, glauben oder von uns erwarten. Und gleichzeitig hofft man irgendwie nicht gerade selbst das „Opfer“ vom ungefilterte Kindermund zu werden …. manchmal tut Ehrlichkeit weh … 😂❤️ Danke Dir!
8. September 2026 @ 10:42
Wir haben gerade einen notorischen Lügner als Präsidenten der USA. Sogar zum zweiten Mal, dieselbe Person. Und das in einem Land, dessen Vertreter sich oft betont christlich geben; mehr als man das in Deutschland tun würde.
Lügen kann sehr erfolgreich sein! Selbst dann, wenn man nicht einmal besonders ausgefeilt, in sich schlüssig und über die Zeit konstant lügt. Sondern wenn man derart dreist und gedankenlos lügt, dass den Konsumenten irgendwann die Wahrheit egal wird, weil sie sehen, dass der Lügner doch mit seinen Lügen durchkommt.
Es ist sehr schwierig, sich dagegen zur Wehr zu zu setzen. Mit dem jeweiligen Faktencheck verbringt man schon so viel Zeit, dass der Lügner und seine Gemeinde schon weitergezogen sind zum nächsten Thema.
Letztlich ist es eine Frage der persönlichen Glaubwürdigkeit und des Gewissens, ob man diesem Trend nachgibt oder sich trotz allem der Wahrheit verpflichtet fühlt.
8. September 2026 @ 19:07
Ja, Thomas, Trump ist dafür tatsächlich ein ziemlich anschauliches Beispiel – ganz unabhängig davon, wie man politisch zu ihm steht.
Psychologisch finde ich daran spannend, dass Menschen Aussagen nicht nur danach bewerten, ob sie wahr sind. Wir reagieren auch darauf, ob uns etwas vertraut vorkommt, ob es zu unseren bisherigen Überzeugungen passt und ob es starke Gefühle auslöst.
Wenn eine Behauptung ständig wiederholt wird, wirkt sie irgendwann weniger fremd. Und was vertraut klingt, fühlt sich für unser Gehirn oft automatisch ein Stück glaubwürdiger an – selbst dann, wenn wir eigentlich wissen, dass es dafür keine guten Belege gibt.
Dazu kommt etwas anderes: Wenn ständig neue Behauptungen folgen, während die alten noch geprüft und widerlegt werden, entsteht irgendwann Überforderung. Niemand kann permanent alles kontrollieren. Dann wird aus „Stimmt das?“ schnell „Ich weiß es auch nicht mehr.“
Und vielleicht liegt genau darin eine besondere Macht solcher Lügen: Sie müssen gar nicht jeden überzeugen. Es reicht manchmal schon, Zweifel, Müdigkeit und Unsicherheit zu erzeugen – bis Wahrheit und Unwahrheit für manche irgendwann fast gleichwertig wirken.
8. September 2026 @ 15:04
Das ist diese Woche wirklich ein spannendes Thema. Ich glaube dass es wirklich jeden betrifft. Schon eine Übertreibung ist eine Unwahrheit. Das ist schon eng. Und was ist mit Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit? Liebe Mandy, du hast mal wieder mit deinem Thema den Nagel auf den Kopf getroffen.👍
8. September 2026 @ 21:31
Danke für den Text, Mandy. Unbequem.