Was, wenn er einer von uns ist?

Nach einem Anschlag. Nach einem Mord.
Nach einer Tat, die so grausam ist, dass mir die Worte fehlen, geschieht oft noch etwas:

Wir trennen den Täter von uns.

Monster, sagen wir. Bestie. Unmensch.

Ich verstehe das. 😔
Denn wenn jemand anderen Menschen so etwas antut, möchte ich nichts mit ihm gemeinsam haben.

Er ist nicht wie wir. Er kann nicht sein wie wir.

Vielleicht brauchen wir diesen Abstand, um auszuhalten, was geschehen ist.

Denn wenn er ein Monster ist, dann gehört seine Tat in eine andere Welt.
Eine Welt, mit der wir nichts zu tun haben.

Aber was, wenn genau das nicht stimmt? 🫤

Ein Täter ist ein Mensch.

Dieser Satz klingt fast wie eine Entschuldigung.
Dabei ist er keine.

Ein Mensch kann schuldig werden.
Ein Mensch kann hassen.
Kann sich radikalisieren.
Kann andere zu Feinden erklären und irgendwann nichts mehr in ihnen sehen, das ihn noch berührt.

Gerade das macht es so erschreckend.

Nicht ein Monster hat gehandelt.

Ein Mensch hat aufgehört, im anderen einen Menschen zu sehen.

Und sobald die Tat geschehen ist, tun wir etwas Ähnliches mit ihm.

Auch wir sagen: Du gehörst nicht mehr zu uns. Du bist kein Mensch mehr, der zählt.


In der Bibel erschlägt Kain seinen Bruder Abel.

Gott redet die Tat nicht klein.
Er fragt nach Abel.
Er konfrontiert Kain mit dem, was er getan hat.

Und Kain muss mit den Folgen seiner Tat leben.

Er verliert seine Heimat. Muss fortan rastlos und heimatlos umherziehen.
Kain bekommt Angst. Angst davor, dass ihm nun jeder, der ihm begegnet, ebenfalls das Leben nehmen könnte.

Doch Gott setzt ein Zeichen an Kain.
Nicht als Auszeichnung. Nicht als Freispruch.

Es ist ein Schutzzeichen.

Niemand soll Kain töten.
Niemand soll seine Tat mit einer weiteren Gewalttat beantworten.

Kain bleibt schuldig. Und trotzdem bleibt sein Leben schützenswert.

Das auszuhalten, fällt mir schwer. 😶

Denn ich möchte klar trennen:

Hier die Guten.
Dort die Bösen.

Hier wir.
Dort die anderen.

Aber vielleicht beginnt vieles Schreckliche genau mit dieser Trennung.

Mit dem Gedanken, manche Menschen seien weniger wert.
Weniger schützenswert. Weniger menschlich.

Wir sind nicht alle gleich schuldig.
Wir tun nicht alle dieselben Dinge.

Aber wir sind alle Menschen.

Auch der Mensch, bei dem ich mir wünsche, er wäre keiner.

Und vielleicht müssen wir Täter nicht deshalb weiterhin als Menschen ansehen, weil sie es verdient hätten. Sondern weil wir sonst beginnen, die Welt mit genau dem Gedanken zu betrachten, der so oft am Anfang des Hasses steht:

Manche gehören nicht mehr zu uns.

Nach 1. Mose 4,8–16


Von Herzen … kommt gut und geschützt durch den Tag. ❤️
Mandy