Trotzdem Liebe
Manche Sätze klingen auf den ersten Blick fromm. Tröstlich sogar. Und hinterlassen doch bei vielen einen Stich.
„Gott liebt den Sünder, aber hasst die Sünde.“
Ein Satz, der oft zitiert wird – auch wenn er so nicht in der Bibel steht. Und ein Satz, der benutzt wurde, um Menschen klein zu machen. Um Abstand zu schaffen. Um zu sagen: Du bist zwar geliebt – aber so, wie Du bist, nicht richtig.
Besonders queere Menschen haben ihn oft so gehört. Nicht als Hoffnung. Sondern als Abwertung. Als freundlich verpackte Ablehnung.
Und dann kommt häufig der Nächste mit: „Ein Mann soll nicht bei einem Mann liegen – es ist ein Gräuel.“
Ein Satz aus dem Alten Testament. Meist ohne Zusammenhang. Und fast immer mit großer Wirkung. Weil er trifft. Weil Worte verletzen können, sich tief ins Leben schreiben, beschämen, verunsichern und ausgrenzen.
Er stammt aus einer Zeit, in der es um Reinheitsgebote, Abgrenzung und das Überleben eines Volkes ging. Aus einer Welt, die Sexualität anders verstand als wir heute. Ohne Wissen von gleichberechtigten, liebevollen Beziehungen zwischen Menschen gleichen Geschlechts.
Die Bibel ist kein einfaches Ja-Nein-Buch. Sie ist eine Sammlung von Texten, entstanden über Jahrhunderte, in sehr unterschiedlichen Zeiten und Kulturen. Und sie lässt sich nicht mit einem einzelnen Satz erklären.
Urteile sind schnell da. Wir lieben klare Schubladen. Sie geben Ordnung. Gut und böse. Täter und Opfer. Richtig und falsch.
Doch Leben sind selten so eindeutig. Zwischen Gut und Böse passt oft ein ganzer Mensch. Mit Brüchen. Mit Entscheidungen. Mit Folgen. Mit Verantwortung.
Ein Mensch ist mehr als seine Taten – aber auch nicht losgelöst von ihnen. Mehr als das Bild, das andere von ihm hatten. Und mehr als das Etikett, das man ihm verpasst.
Jesus selbst begegnet Menschen nicht zuerst mit Kategorien. Nicht mit Listen. Nicht mit Reinheitsregeln. Er setzt sich dazu. Er hört zu. Er sieht den Menschen.
Die Bibel bringt das in einem schlichten Satz auf den Punkt: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an.“ – 1. Samuel 16, 7
Vielleicht ist das der Punkt. Nicht alles gutheißen. Nicht alles erklären. Aber niemanden auf einen Satz reduzieren.
Vielleicht ist die wichtigere Frage nicht: Ist das Sünde? Sondern: Wie gehen wir mit Menschen um, die anders leben als wir?
Denn wenn unsere Klarheit verletzt, wenn unsere Frömmigkeit ausgrenzt, dann ist sie keine gute Nachricht mehr.
Und vielleicht beginnt Liebe genau da, wo wir aufhören, andere festzulegen – und anfangen, unsere eigenen Vorstellungen zu hinterfragen.
Schönes Wochenende! Segenregen! Tschüss, bis Montag.
Mandy
