Nicht nur die anderen
Ihr Lieben,
es gibt Momente, da erschrecke ich über mich selbst.
Weil ich mich etwas sagen höre. Oder eben etwas nicht sagen höre.
Ich merke, wie ich innerlich hart werde.
Wie ich urteile.
Wie ich jemanden abschreibe.
Wie ich dicht mache.
Und plötzlich denke ich: Autsch. Das bin ja ich.
Nicht „die anderen“.
Nicht nur die, über die ich mich aufrege.
Nicht nur die, von denen ich denke: Wie kann man nur?
Sondern ich.
Ich habe Werte. Ich habe Überzeugungen. Ich würde sagen, dass ich ziemlich genau weiß, wie Menschen miteinander umgehen sollten. Doch dann gibt es Situationen, da werde ich selbst hart. Ungerecht. Nachtragend. Feige. Selbstgerecht. Verletzend.
Mit einem Blick. Mit einem Satz. Mit Rückzug. Mit Schweigen.
Mit diesem inneren: „Na, selber schuld.“
Vielleicht ist genau das so schwer auszuhalten:
Dass ich nicht nur die gute Absicht in mir trage. Sondern auch den Schatten.
Paulus schreibt im Römerbrief: „Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will.“ – Römer 7,19
Ich mag diesen Satz nicht, weil er schön ist. Ich mag ihn, weil er ehrlich ist.
Da schreibt keiner von oben herab.
Keiner, der alles im Griff hat.
Keiner, der sagt: „Streng Dich halt mehr an.“
Da schreibt einer, der sich selbst kennt.
Einer, der weiß, wie es ist, wenn Anspruch und Wirklichkeit auseinanderfallen.
Wenn ich eigentlich liebevoll sein will. Aber genervt reagiere.
Wenn ich gerecht sein will. Aber innerlich längst mein Urteil gesprochen habe.
Wenn ich vergeben will. Aber die alte Rechnung doch noch irgendwo in mir aufbewahre.
Wenn ich mutig sein will. Aber lieber schweige.
Und vielleicht beginnt genau da etwas Echtes.
Nicht dort, wo ich mich für besser halte.
Sondern dort, wo ich aufhöre, mich selbst auszunehmen.
Denn es ist leicht, über Hartherzigkeit zu reden.
Schwerer ist es, die eigene zu erkennen.
Es ist leicht, Lieblosigkeit bei anderen zu sehen.
Schwerer ist es, den Moment zu bemerken, in dem ich selbst lieblos werde.
Es ist leicht, über Menschen zu urteilen, die verletzen.
Schwerer ist es, ehrlich zuzugeben, wo auch ich Spuren hinterlasse.
Und nein.
Das heißt nicht, dass alles egal ist.
Es heißt nicht, dass Schuld keine Rolle spielt.
Es heißt nicht, dass man alles relativieren muss.
Aber vielleicht bewahrt mich diese Ehrlichkeit vor einer gefährlichen Sorte Gutsein.
Vor einem Gutsein, das immer nur nach außen zeigt.
Da sind die Falschen.
Da sind die Bösen.
Da sind die, die es endlich kapieren müssten.
Und ich?
Ich stehe nicht automatisch auf der richtigen Seite, nur weil ich das Richtige wichtig finde.
Vielleicht brauche ich deshalb Gnade.
Nicht als frommes Wort.
Sondern als etwas, das mich unterbricht.
Bevor ich mich selbst erhöhe.
Bevor ich andere innerlich abschreibe.
Bevor ich vergesse, dass auch ich ein Mensch bin, der Hilfe braucht.
Vielleicht ist das kein angenehmer Gedanke.
Aber ein heilsamer.
Denn wer die eigenen Schatten kennt, muss andere nicht so schnell verurteilen.
Und wer weiß, wie sehr er selbst auf Gnade angewiesen ist,
wird vielleicht vorsichtiger mit dem Finger,
den er auf andere richtet.
Vielleicht beginnt Menschlichkeit genau da:
Nicht dort, wo ich mich zu den Guten zähle.
Sondern dort, wo ich ehrlich genug werde, mich selbst mit hineinzunehmen.
In diesem Sinne, alles Gute für den heutigen Tag!
Mandy
