Mitten im Blickfeld
Während Du diese Zeilen liest, siehst Du Deine Nase.
Jetzt vermutlich ziemlich deutlich. Vielleicht schielst Du sogar ein bisschen nach unten. 😄
Vorher war sie auch schon da. Sie befindet sich den ganzen Tag mitten in Deinem Blickfeld. Jedes Auge sieht sie aus einem etwas anderen Winkel. Trotzdem drängt sie sich nicht ständig in Dein Bewusstsein.
Dein Gehirn hat gelernt:
Kenn ich. Bleibt so. Ist gerade nicht wichtig.
Also rückt die Nase in den Hintergrund.
Ich finde das faszinierend. Und ein bisschen beunruhigend.
Denn offenbar ist Sehen nicht dasselbe wie Wahrnehmen.
1998 hielten zwei Psychologen auf einem Universitätsgelände fremde Menschen an und fragten nach dem Weg. Mitten im Gespräch trugen zwei Männer eine große Tür zwischen ihnen hindurch. Für einen kurzen Moment war der Fragende verdeckt – und wurde hinter der Tür gegen einen anderen Mann ausgetauscht.
Andere Kleidung. Andere Stimme. Anderes Gesicht.
Acht von fünfzehn Menschen bemerkten den Wechsel nicht.
Sie erklärten einfach dem nächsten Mann weiter den Weg.
Das Phänomen nennt sich Veränderungsblindheit. Das Gehirn speichert nicht jedes Detail dessen, was vor Dir steht. Es hält offenbar vor allem das fest, was es in diesem Moment für bedeutsam hält.
Und da bin ich hängen geblieben:
Vielleicht übersiehst Du manches nicht, weil es zu klein ist.
Sondern weil es zu vertraut geworden ist.
Den Menschen, dessen Stimme Du jeden Tag hörst.
Das Zuhause, in das Du früher unbedingt einziehen wolltest.
Den Körper, der Dich durch so vieles getragen hat.
Jemanden, der immer wieder fragt, wie es Dir geht.
Was zuverlässig da ist, muss nicht mehr um Deine Aufmerksamkeit kämpfen.
Leider gilt das auch für anderes.
Vielleicht bemerkst Du kaum noch, wie erschöpft Du eigentlich bist. Wie oft Du Dich zurücknimmst, damit es keinen Streit gibt. Wie lange diese eine Sorge schon mit am Tisch sitzt. Oder wie selbstverständlich ein anderer Mensch inzwischen mit Dir redet, obwohl es Dir jedes Mal ein bisschen wehtut.
Auch das Gewohnte kann unsichtbar werden.
Nicht, weil es verschwunden wäre.
Sondern weil Du gelernt hast, darum herumzusehen.
In Psalm 103 steht dieser Satz: „Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ (Psalm 103,2)
Früher klang das für mich ein bisschen wie eine Aufforderung zur Dankbarkeit. Inzwischen lese ich es eher wie eine Erinnerung daran, wie schnell ein Mensch übersieht, was längst zu seinem Leben gehört.
Vielleicht musst Du heute gar nichts Neues finden.
Vielleicht reicht es, einen Moment lang noch einmal hinzusehen.
Auf das Gute, damit es nicht selbstverständlich wird.
Und auf das, was wehtut, damit es nicht selbstverständlich bleibt.
Manches fehlt Dir nicht.
Es steht längst mitten in Deinem Blickfeld.
In diesem, Augen auf und schönes Wochenende!
Deine Mandy
Die „Tür-Studie“ stammt von Daniel Simons und Daniel Levin. Im ersten Versuch bemerkten tatsächlich nur sieben von fünfzehn Personen den Austausch; acht bemerkten ihn nicht. Originalstudie und Zusammenfassung
