Wie tolerant bin ich wirklich?

„Ich bin ein toleranter Mensch.“

Klingt gut. Fast ein bisschen zu gut.

Denn leicht ist Toleranz immer dann, wenn der Unterschied nicht weh tut. Andere Musik. Andere Kleidung. Andere Art zu leben. Kann ich aushalten.

Spannend wird es erst, wenn jemand etwas denkt, bei dem sich in mir alles zusammenzieht. Politisch. Religiös. Gesellschaftlich. Moralisch.

Wenn jemand etwas richtig findet, das ich kaum ertragen kann. Wenn jemand eine Partei wählt, die für mich niemals infrage käme.

Wenn ich nicht denke: Interessant, da sind wir verschieden.

Sondern eher: Wie kann man nur?

Und dann wird es plötzlich nicht mehr nur eine Frage der Meinung.
Dann wird es eine Frage des Menschen.

Was mache ich mit ihm?

Nicht mit seinem Argument. Nicht mit seiner Haltung.

Mit ihm.

Vielleicht beginnt Toleranz genau da.

Nicht dort, wo ich zustimme. Sondern dort, wo ich widerspreche und trotzdem noch sehe: Da steht ein Mensch.

Einer mit einer Geschichte. Mit Gründen. Mit Ängsten. Mit Überzeugungen, die ich vielleicht überhaupt nicht teile.

Toleranz bedeutet für mich nicht, alles hinzunehmen. Nicht zu schweigen. Nicht so zu tun, als wären alle Positionen gleich harmlos.

Wo Menschen bedroht, erniedrigt oder entrechtet werden, braucht es Widerspruch. Klaren sogar.

Aber vielleicht ist ein Gedanke trotzdem wichtig: Eine Meinung abzulehnen ist etwas anderes, als einen Menschen abzulehnen.

In der Bibel steht: „Wer bist du, dass du den Diener eines anderen richtest?“ Römer 14,4

Der Satz steht mitten in einem Kapitel, in dem Menschen darüber streiten, was richtig ist und was nicht. Was man essen darf. Welche Tage besonders sind. Wie man seinen Glauben lebt.

Also nicht über Dinge, die ihnen egal waren.

Sondern über Fragen, bei denen Menschen überzeugt waren: So macht man es richtig.

Und Paulus sagt nicht: Alles ist egal.
Er sagt auch nicht: Jeder hat automatisch recht.

Aber er erinnert daran, dass der andere Mensch nicht mir gehört. Dass ich nicht sein Richter bin. Dass ich eine Haltung hinterfragen kann, ohne mich zum Richter über den ganzen Menschen zu machen.

Ich mag diesen Gedanken, weil er diese Spannung aushält:

Überzeugung haben – und trotzdem den anderen nicht zum Feind machen.

Ich kann sagen: „Das halte ich für falsch.“
Ohne zu sagen: „Du bist falsch.“

Und vielleicht ist genau dieser Unterschied größer, als er erstmal klingt.

Ich muss eine Meinung nicht respektieren, um die Würde eines Menschen zu respektieren. Ich muss nicht alles verstehen. Nicht alles stehenlassen. Nicht überall mitgehen.

Aber vielleicht kann ich versuchen, einen Menschen nicht auf das zu reduzieren, was ich an ihm kaum aushalte.

Vielleicht zeigt sich Toleranz deshalb nicht darin, wie freundlich ich mit denen bin, die mir ähnlich sind. Sondern darin, was von meiner Menschlichkeit übrig bleibt, wenn mir jemand wirklich widerspricht.

Wenn ich innerlich längst denke: Mit Dir kann ich nichts anfangen.

Vielleicht ist die ehrlichere Frage also gar nicht: „Bin ich tolerant?“
Sondern: „Kann ich Dich noch als Menschen sehen, wenn ich Deine Meinung nicht mehr verstehen kann?“

Denn vermutlich beginnt Toleranz genau dort, wo Zustimmung aufhört.


Komm gut durchs Wochenende!
Segenregen

Mandy