Wie tolerant bin ich wirklich?
Mandy Mensch,, Miteinander Gesellschaft, Grenzen, Haltung, Meinung, Menschlichkeit, Respekt, Schubladen, Streit, Toleranz, Verständnis, Vorurteile, Widerspruch, Würde, Zuhören 7
„Ich bin ein toleranter Mensch.“
Klingt gut. Fast ein bisschen zu gut.
Denn leicht ist Toleranz immer dann, wenn der Unterschied nicht weh tut. Andere Musik. Andere Kleidung. Andere Art zu leben. Kann ich aushalten.
Spannend wird es erst, wenn jemand etwas denkt, bei dem sich in mir alles zusammenzieht. Politisch. Religiös. Gesellschaftlich. Moralisch.
Wenn jemand etwas richtig findet, das ich kaum ertragen kann. Wenn jemand eine Partei wählt, die für mich niemals infrage käme.
Wenn ich nicht denke: Interessant, da sind wir verschieden.
Sondern eher: Wie kann man nur?
Und dann wird es plötzlich nicht mehr nur eine Frage der Meinung.
Dann wird es eine Frage des Menschen.
Was mache ich mit ihm?
Nicht mit seinem Argument. Nicht mit seiner Haltung.
Mit ihm.
Vielleicht beginnt Toleranz genau da.
Nicht dort, wo ich zustimme. Sondern dort, wo ich widerspreche und trotzdem noch sehe: Da steht ein Mensch.
Einer mit einer Geschichte. Mit Gründen. Mit Ängsten. Mit Überzeugungen, die ich vielleicht überhaupt nicht teile.
Toleranz bedeutet für mich nicht, alles hinzunehmen. Nicht zu schweigen. Nicht so zu tun, als wären alle Positionen gleich harmlos.
Wo Menschen bedroht, erniedrigt oder entrechtet werden, braucht es Widerspruch. Klaren sogar.
Aber vielleicht ist ein Gedanke trotzdem wichtig: Eine Meinung abzulehnen ist etwas anderes, als einen Menschen abzulehnen.
In der Bibel steht: „Wer bist du, dass du den Diener eines anderen richtest?“ – Römer 14,4
Der Satz steht mitten in einem Kapitel, in dem Menschen darüber streiten, was richtig ist und was nicht. Was man essen darf. Welche Tage besonders sind. Wie man seinen Glauben lebt.
Also nicht über Dinge, die ihnen egal waren.
Sondern über Fragen, bei denen Menschen überzeugt waren: So macht man es richtig.
Und Paulus sagt nicht: Alles ist egal.
Er sagt auch nicht: Jeder hat automatisch recht.
Aber er erinnert daran, dass der andere Mensch nicht mir gehört. Dass ich nicht sein Richter bin. Dass ich eine Haltung hinterfragen kann, ohne mich zum Richter über den ganzen Menschen zu machen.
Ich mag diesen Gedanken, weil er diese Spannung aushält:
Überzeugung haben – und trotzdem den anderen nicht zum Feind machen.
Ich kann sagen: „Das halte ich für falsch.“
Ohne zu sagen: „Du bist falsch.“
Und vielleicht ist genau dieser Unterschied größer, als er erstmal klingt.
Ich muss eine Meinung nicht respektieren, um die Würde eines Menschen zu respektieren. Ich muss nicht alles verstehen. Nicht alles stehenlassen. Nicht überall mitgehen.
Aber vielleicht kann ich versuchen, einen Menschen nicht auf das zu reduzieren, was ich an ihm kaum aushalte.
Vielleicht zeigt sich Toleranz deshalb nicht darin, wie freundlich ich mit denen bin, die mir ähnlich sind. Sondern darin, was von meiner Menschlichkeit übrig bleibt, wenn mir jemand wirklich widerspricht.
Wenn ich innerlich längst denke: Mit Dir kann ich nichts anfangen.
Vielleicht ist die ehrlichere Frage also gar nicht: „Bin ich tolerant?“
Sondern: „Kann ich Dich noch als Menschen sehen, wenn ich Deine Meinung nicht mehr verstehen kann?“
Denn vermutlich beginnt Toleranz genau dort, wo Zustimmung aufhört.
Komm gut durchs Wochenende!
Segenregen
Mandy

18. September 2026 @ 6:14
Hi Mandy,
stark von Dir, dass du dich an solche Themen herantraust! Aber sie beleben und aktivieren 😉, regen zu nachdenken an. Manchmal auch, dass ich auf die Knie geh und Gott um Vergebung bitte….. Danke dafür und weiter so 👍
Gott Segens dich und ein erholsames Wochenende für dich😇✝️
18. September 2026 @ 7:03
Guten Morgen, liebe Mandy. Mit diesen Themen bringst du mich sehr zum Nachdenken. Die Unterscheidung von Mensch und Meinung ist mir gar nicht so bewusst gewesen. Danke für deine Impulse!
Herzliche Grüße
Ingeborg
18. September 2026 @ 9:37
„Denn vermutlich beginnt Toleranz genau dort, wo Zustimmung aufhört.“
Jup, das ist mE das, was Toleranz eigentlich ist, denn Haltungen gegenüber, mit denen ich zurecht komme brauche ich gar nicht tolerant zu sein.
Dann ist „Toleranz“ nur etwas mit dem ich mich gerne schmücke.
Echt tolerieren brauche ich nur das mit dem ich nicht übereinstimme.
Spannende Frage: Ist Christentum / Jesus eig. in diesem Sinn tolerant?
Jesus liebt jeden Menschen, aber nicht jede Haltung oder Meinung. Aber er hält das aus, mit guten Argumenten für seine Haltung.
Und so sollen wir es auch tun, finde ich.
Danke Mandy, für deine wertvollen Gedanken.
18. September 2026 @ 16:07
Ein super Thema.
Gerade jetzt wo politisch so Menschen aus einander reden und sich sogar prügeln, und ihre Meinung anderen aufzwingen wollen.
Andere wiederum verachten und falsche Dinge behaupten weil es ja jeder tut.
Ich dachte immer, Jesus Christus ist der intolerante Mensch gewesen. Da sich an ihm die Geister schieden.
Er hat jeden Menschen geliebt. Sah sein Herz und heilte wo Krankheit war.
Manchmal frage ich mich, ob Gott noch zu grün Ja sagen kann. Oder ob er die Hände vor dem Gesicht zusammen nimmt. Denn den Gender Blödsinn will er bestimmt nicht.
Toleriert er das wirklich?
Allerdings gab er auch jedem eine Chance.
Und wer für ihn zu anderes war, nahm er mit um ihn zu überzeugen. Er redete.
Und so kann man auch sehen- das Jesus Christus sich nicht abgegrenzt hat- sondern gesprochen mit den Menschen.
Und im Moment sprechen nicht mal die Parteien miteinander. Sondern bekämpfen sich. Und das gefällt Jesus bestimmt nicht.
Danke Mandy für dein tolles Seelen Futter. Gruß Corinna
18. September 2026 @ 23:52
Liebe Corinna, danke Dir! ❤️ Ich glaube auch, dass uns gerade an vielen Stellen das miteinander Reden verloren geht. Man muss sich ja nicht einigen. Aber wenn der andere nur noch Gegner ist, wird es schwierig.
Bei der Frage, was Gott zu einzelnen gesellschaftlichen Themen denkt, bin ich allerdings vorsichtig. Ich würde zum Beispiel nicht sagen wollen: „Das gefällt Gott bestimmt nicht“ oder „Das will Gott bestimmt nicht.“ Da merke ich für mich immer wieder: Ich bin nicht Gottes Sprecherin. 😉
Was ich bei Jesus aber ziemlich deutlich sehe: Er begegnete sehr unterschiedlichen Menschen. Nicht immer zustimmend, durchaus auch konfrontativ – aber eben als Menschen. Und vielleicht können wir genau davon einiges lernen: widersprechen, diskutieren, Grenzen setzen und trotzdem nicht die Würde des anderen verlieren.
Danke für Deine Gedanken und liebe Grüße!
21. September 2026 @ 9:11
Liebe Mandy ,
“ Wo Menschen bedroht, erniedrigt und entrechtet werden, braucht es Widerstand“ ( Zitat aus deinem Seelenfutter.
Ich bin traurig darüber, dass die christliche Botschaft der Nächstenliebe sich immer nur auf die Spezies Mensch bezieht. Es wird zwar von Gottes Schöpfung gesprochen, aber in der Realität ist damit immer nur der Mensch gemeint. Dabei ist Gottes Schöpfung , angefangen vom kleinsten bis zum größten Lebewesen, unendlich zahlreich. Die Tiere, die Pflanzen, die Meere usw , alle und alles hat Gottes Atem. Auch Ihnen hat er die unsterbliche Seele eingehaucht.
Gerade als Christ sehe ich mich in der Verantwortung Widerstand zu zeigen gegen jede Form der Gewalt AUCH der nicht-menschlichen Schöpfung gegenüber.
Gottes Liebe ist universal und gilt seiner gesamten Schöpfung. Sie grenzt niemanden aus. Den Respekt und Schutz verlangt alles, was lebt.
Ich fand deine Äußerung über nötigen Widerstand bei Gewalt gegen Menschen als eingegrenzt. Ich bin mir sicher, dass eine größere Sensibilität der gesamten Schöpfung gegenüber, gepredigt und vorgelebt von Christen, einen entscheidenden Beitrag zum Frieden leisten könnte. Wenn Leid, Folter, Gewalt als solche erst beim Menschen Beachtung oder Widerstand findet, dann ist das meines Erachtens zu spät angesetzt.
Lernten wir zu fühlen mit jeder Kreatur, lernten wir zu lieben und zu achten mit dem kleinsten aller Lebewesen, welche Chancen hätte dieser Planet für einen respektvollen Umgang und damit für die Erhaltung / Erholung seiner Ressourcen?
In der christlichen Lehre steht der Mensch im Mittelpunkt ( verständlich: er ist es , der Schuld auf sich lädt), aber in der Bibel steht, dass die gesamte Kreatur seufzt und sich nach Erlösung sehnt.
Ich bin davon überzeugt, dass alle Kreatur , alle Schöpfung Gottes, ihren Platz auch in der Ewigkeit finden wird, nachdem sie hier auf Erden bereits durch die Hölle gegangen ist.
Als Christ wünsche ich mir sehnsüchtig – endlich einmal – den Blick auf die gesamte Schöpfung, das Einbeziehen in das Reden und diakonische Handeln, das Einbeziehen in Gebete ( wann wurde jemals im Gottesdienst für die Tiere auf einem Schlachttransport gebetet, obwohl 80% der anwesenden Gottesdiensbesucher sich von diesen Opfern ernährt? Ich habe noch keine Gemeinde, noch keine Kirche gefunden. )
Und empfinde eine Eingrenzung christlichen Denkens und Handelns, die ich auch hier zum Ausdruck bringen wollte.
Bei allem Lob für die wunderbaren Seelenfutter, die du uns täglich schenkst.
Dankbare Grüße
Carol.
21. September 2026 @ 10:44
Liebe Carol,
danke Dir für Deine ausführlichen Gedanken. ❤️ Ich verstehe, worauf Du hinauswillst, und ja: Verantwortung für Gottes Schöpfung endet für mich natürlich nicht beim Menschen. Tiere, Natur, unsere Umwelt – wie wir damit umgehen, ist ganz sicher keine Nebensache.
Der Satz in meinem Text war allerdings nicht als Eingrenzung auf den Menschen gemeint. Das ganze SeelenFutter beschäftigt sich mit der Frage, wie wir mit **Menschen umgehen, deren Meinung, Haltung oder Lebensweise wir vielleicht überhaupt nicht nachvollziehen können**. Deshalb schrieb ich an dieser Stelle von Menschen, die bedroht, erniedrigt oder entrechtet werden.
Ich wollte damit nicht sagen: Erst wenn Menschen leiden, wird Gewalt relevant. Das wäre nochmal ein ganz anderes – und wahrscheinlich eigenes – SeelenFutter. 😉
Den Gedanken aus Römer 8 finde ich dabei übrigens spannend: dass die ganze Schöpfung „seufzt“. Die Bibel kennt diesen Blick also durchaus, auch wenn der Mensch natürlich sehr häufig im Mittelpunkt der Texte steht.
Ob Tiere eine unsterbliche Seele im gleichen Sinn wie Menschen haben und wie genau Gottes neue Schöpfung einmal aussehen wird, da wäre ich persönlich vorsichtiger mit einer eindeutigen Aussage. Ich weiß es schlicht nicht. Ich glaube es – und ich wünsche es mir sehr.
Aber ich mag den Gedanken, dass Gottes Blick größer ist als unserer und dass ihm seine Schöpfung nicht gleichgültig ist.
Danke, dass Du diese Perspektive hier ergänzt hast. ❤️
Liebe Grüße
Mandy