Wann wird Meinung zu Identität?

Wann wird aus „Das denke ich“ eigentlich „Das bin ich“?

Vielleicht passiert das ganz langsam.

Eine Meinung beginnt oft ziemlich harmlos. Wir lesen etwas. Wir erleben etwas. Wir hören Argumente, machen Erfahrungen, bilden uns ein Urteil.

Und irgendwann gehört diese Haltung zu uns. Nicht nur zu unserem Denken, sondern zu unserem Selbstbild.

Dann heißt es nicht mehr nur: „Ich glaube, dass …“

Sondern:

„Ich bin jemand, der so denkt.“

Und genau da wird es spannend.

Denn wenn jemand dann meine Meinung kritisiert, fühlt es sich plötzlich nicht mehr nur nach Widerspruch an. Es fühlt sich an wie ein Angriff auf mich. Auf meine Werte. Auf meine Zugehörigkeit. Auf das, was ich für richtig halte. Vielleicht sogar auf die Gruppe, zu der ich mich zähle.

Das passiert bei ganz unterschiedlichen Themen. In der Politik. Im Glauben. Bei Erziehung, Gesundheit, Klima, Sexualität oder Lebensstil.

Eigentlich überall dort, wo wir nicht nur eine Meinung haben, sondern anfangen, uns über sie zu definieren.

Und je mehr eine Meinung Teil meiner Identität wird, desto schwerer wird es, sie überhaupt noch zu hinterfragen.

Denn dann müsste ich nicht nur einen Gedanken ändern. Vielleicht müsste ich auch ein Stück von mir selbst neu sortieren.

Das erklärt vielleicht, warum manche Diskussionen so schnell eskalieren. Warum Menschen lauter werden, obwohl sie eigentlich nur überzeugen wollten. Warum Gegenargumente manchmal gar nichts mehr bringen. Warum wir Informationen plötzlich danach sortieren, ob sie zu unserem Bild passen.

Und warum es sich manchmal fast bedrohlich anfühlt, wenn jemand etwas sagt, das unsere Sicht ins Wanken bringt.

Vielleicht verteidigen wir in solchen Momenten gar nicht nur eine Meinung.

Vielleicht verteidigen wir uns selbst.

In der Bibel steht ein Satz, den ich dafür ziemlich wohltuend finde:

„Denn unser Wissen ist Stückwerk.“
1. Korinther 13,9

Stückwerk.

Nicht wertlos. Nicht bedeutungslos. Aber eben auch nicht vollständig.

Vielleicht ist das eine ziemlich gute Erinnerung.

Ich darf überzeugt sein, ohne zu glauben, dass ich alles verstanden habe.

Ich darf Haltung haben, ohne mich mit meiner Haltung vollständig gleichzusetzen. Ich darf sagen: „Das denke ich heute.“ Und trotzdem offenlassen, dass ich morgen vielleicht etwas dazulerne.

Vielleicht sogar meine Meinung ändere.

Das klingt manchmal nach Schwäche.

Dabei braucht es oft ziemlich viel Stärke, zu sagen:

„Da habe ich mich geirrt.“

Oder:

„So habe ich es früher gesehen. Heute sehe ich es anders.“

Denn wenn meine Meinung mein ganzes Ich geworden ist, fühlt sich Veränderung schnell wie Verrat an. An mir selbst. An meiner Gruppe. An den Menschen, mit denen ich bisher übereingestimmt habe.

Aber vielleicht ist Veränderung gar kein Verrat.

Vielleicht ist sie manchmal einfach ein Zeichen dafür, dass ich weitergedacht habe. Dass ich neue Erfahrungen gemacht habe. Dass ich Dinge gesehen habe, die ich vorher nicht sehen konnte.

Und vielleicht ist die wichtigere Frage deshalb gar nicht:

„Welche Meinung habe ich?“

Sondern:

„Wer bin ich noch, wenn ich meine Meinung ändere?“


Vielleicht wäre eine gute Antwort: Immer noch ich.

Nur mit einem Gedanken mehr. Oder mit einem weniger.

Und vielleicht mit etwas mehr Demut darüber, dass kein Mensch das Ganze sieht.


Oh happy Day!
Deine Mandy