Zwischen Rastern
Manchmal habe ich den Eindruck, wir Menschen suchen nach Diagnosen, um uns einordnen zu können.
Nicht, um besonders zu sein. Nicht, um uns abzugrenzen.
Sondern um zu verstehen, warum wir nicht passen.
Warum uns Dinge schwerfallen, die für andere selbstverständlich wirken. Warum wir schneller erschöpft sind. Oder empfindlicher. Oder einfach anders reagieren.
Etwas benennen zu können, kann entlasten. Es kann schützen. Es kann helfen, sich selbst besser zu verstehen und zu sagen: Ich bilde mir das nicht ein.
Aber was, wenn mit mir nicht alles erklärbar ist? Was, wenn ich nicht kaputt bin – sondern einfach ein Mensch in einer Welt, die wenig Spielraum lässt?
Wir sprechen viel von Offenheit. Von Vielfalt. Von der Freiheit, sich selbst zu beschreiben. Und gleichzeitig spüre ich etwas Paradoxes: Je mehr Möglichkeiten es gibt, sich einzuordnen, desto genauer müssen wir erklären, warum wir nicht passen.
Wir leben in einer Zeit, in der Abweichung erklärungsbedürftig geworden ist.
Wer anders tickt, soll es benennen können.
Wer überfordert ist, soll sagen, warum.
Wer nicht funktioniert, braucht einen Grund.
Das hat auch etwas Gutes. Etwas benennen zu können, kann entlasten. Es kann schützen. Es kann helfen, sich selbst besser zu verstehen. 🌱 Und trotzdem frage ich mich manchmal: Was sagt das über uns als Gesellschaft?
Vielleicht bewegen wir uns in Strukturen und Bubbles, die trotz aller Offenheit wenig Raum lassen für Unterschiedlichkeit. Für langsame Prozesse. Für Menschen, die nicht ins Raster passen – auch dann nicht, wenn es viele Raster gibt.
Die Bibel erzählt von einem Gott, der Menschen nicht zuerst einordnet.
Nicht sortiert. Nicht etikettiert.
„Der Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.“– 1. Samuel 16,7
Vielleicht brauchen wir wieder mehr Vertrauen, dass ein Mensch nicht erst erklärbar sein muss, um dazuzugehören.
Nicht alles, was nicht passt, ist krank.
Nicht alles, was herausfordert, ist ein Defekt. Manches ist einfach menschlich.
Und vielleicht beginnt Würde genau dort: Wo wir uns – und andere – nicht immer genauer erklären müssen, sondern einfach sein dürfen. 🤍
… damit, auf in die neue Woche!
Bis morgen.
Mandy
