Wenn Empathie fehlt
Ihr Lieben, manchmal merkt man erst an der Reaktion eines anderen Menschen, wie allein man sich gerade fühlt.
Man sagt: „Das hat mir wehgetan.“
Und man weiß ja eigentlich, dass der andere dafür jetzt keine fertige Lösung parat haben muss.
Man erwartet keine perfekte Antwort. Keine kluge Erklärung.
Nicht einmal, dass der andere sofort alles versteht.
Aber vielleicht hofft man auf diesen einen kurzen Moment.
Ein Innehalten. Ein echtes Hören.
Vielleicht ein: „Oh. Das habe ich nicht gesehen.“
Empathie ist für mich genau das:
Nicht alles selbst erlebt haben müssen.
Nicht jedes Gefühl des anderen eins zu eins nachfühlen können.
Nicht sofort wissen, was jetzt richtig wäre.
Aber wenigstens merken:
Da ist ein Mensch.
Mit einer Geschichte.
Mit einer Persönlichkeit.
Kein stumpfer Gegenstand, an dem Worte einfach abprallen.
Da ist jemand, bei dem gerade etwas wehtut.
Und ich bleibe nicht kalt daneben stehen.
Wenn sich jemand ungünstig am Schienbein stößt, kennen wir das alle.
Man zuckt kurz zusammen. Verzieht selbst das Gesicht.
Sagt vielleicht: „Autsch, tat weh, oder?“ 😬
Nicht, weil man denselben Schmerz im eigenen Schienbein hat.
Sondern weil man sieht: Da tut sich gerade jemand weh.
Und vielleicht ist es mit innerem Schmerz gar nicht so anders.
Man merkt ihn nur nicht so schnell.
Keine blaue Stelle. Keine Platzwunde. Kein Humpeln.
Und ehrlich?
Kaum jemand traut sich leicht zu sagen: „Das hat mir wehgetan.“
Nur weil es nicht körperlich war, schluckt man es halt runter.
Ich habe vor einiger Zeit von einer Studie* gelesen, in der Menschen im Hirnscanner untersucht wurden. 🧠
Dabei ging es darum, was passiert, wenn jemand selbst Schmerz erlebt – und was passiert, wenn jemand sieht, dass ein geliebter Mensch Schmerz erlebt.
Das Spannende war: Der Schmerz des anderen wird nicht eins zu eins zu meinem eigenen körperlichen Schmerz. Aber bestimmte Bereiche, die mit dem unangenehmen, emotionalen Anteil von Schmerz zu tun haben, reagieren mit.
Vereinfacht gesagt: Unser Inneres bleibt nicht völlig unberührt, wenn ein anderer Mensch leidet.
Vielleicht ist Empathie also nicht einfach nur „nett sein“. Vielleicht ist sie diese Fähigkeit, den Schmerz eines anderen Menschen nicht sofort wegzuerklären.
Nicht kleinzureden. Nicht lächerlich zu machen. Nicht als Übertreibung abzutun.
Sondern wenigstens für einen Moment stehenzubleiben und sich klarzumachen: Da fühlt ein Mensch etwas. Und auch wenn ich es nicht genauso fühle, ist es nicht egal.
Ich glaube, es gibt gar nicht so wenige Menschen, denen genau das schwerfällt.
Manche spüren sehr viel. Manche spüren wenig.
Manche haben gelernt, Gefühle wegzuschieben.
Manche verstehen vielleicht sogar, was verletzt – und machen trotzdem weiter.
Und manchmal erklärt man seinen Schmerz immer wieder.
Ruhiger. Vorsichtiger. Noch verständlicher.
Bis man irgendwann an sich selbst zweifelt.
Aber vielleicht liegt das Problem nicht immer darin, wie gut ein Schmerz erklärt wurde.
Vielleicht liegt es manchmal auch daran, dass er beim anderen nicht ankommt.
In der Bibel steht: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“ – Römer 12,15
So gesehen ist das eine echte Zumutung.
Weil Mitgefühl nicht immer automatisch kommt.
Weil Zuhören manchmal schwerer ist als Reden.
Weil es Mut braucht, nicht sofort dichtzumachen, wenn jemand sagt: „Du hast mich verletzt.“
Vielleicht beginnt Empathie nicht immer mit einem großen Gefühl.
Vielleicht beginnt sie mit der Entscheidung, den anderen ernst zu nehmen.
Mit der Frage: „Was ist bei Dir angekommen?“
Mit dem Satz: „Ich verstehe es vielleicht noch nicht ganz, aber ich will es nicht übergehen.“
Vielleicht ist Empathie nicht immer dieses große Mitfühlen, das sofort da ist.
Vielleicht ist Empathie manchmal erstmal nur die Bereitschaft, nicht auszuweichen.
Nicht sofort zu sagen: „War doch nicht so gemeint.“
Nicht sofort zu erklären: „Du übertreibst.“
Nicht sofort aus dem Schmerz des anderen eine Verteidigungsschlacht zu machen.
Denn auch wenn etwas nicht so gemeint war, kann es trotzdem wehgetan haben.
Auch wenn ich selbst denke: „Hätte mich jetzt nicht so getroffen“ — beim anderen ist es angekommen.
Vielleicht reicht es dann erstmal zu sagen: „Ich sehe, dass es Dir wehgetan hat.“
Vielleicht muss ein Mensch seinen Schmerz nicht endlos beweisen.
Vielleicht reicht es manchmal, wenn wir aufhören, ihn kleinzureden.
Und vielleicht ist genau das schon ein Anfang von Mitgefühl. ❤️
Das wars von mir … für diese Woche.
Hab ein schönes Wochenende!
Mandy
- Quelle zur erwähnten Studie: Tania Singer, Ben Seymour, John O’Doherty, Holger Kaube, Raymond J. Dolan und Chris D. Frith: „Empathy for Pain Involves the Affective but Not Sensory Components of Pain“, veröffentlicht 2004 in der Fachzeitschrift Science.