Wer bist Du, wenn Dich keiner sieht?
Ich lese gerade, was zwischen Christian Ulmen und Collien Fernandes im Raum steht.
Und ich merk: Das lässt mich nicht kalt.
Nicht, weil ich weiß, was stimmt. Das weiß ich nicht.
Aber weil ich ahne, dass es Dinge gibt, die wir uns lieber nicht vorstellen.
Ich bin Bloggerin. Seit 2009.
Beinahe täglich im Internet unterwegs.
Damals ganz klein gestartet.
Ein paar Menschen. Ein paar Gedanken.
Und dann ist es gewachsen.
Schön. Spannend. Und auch herausfordernd.
Weil viel passiert, was keiner sieht.
Heute lesen viele mit. Jeden Tag.
Auf meiner Webseite. Über Social Media. Per WhatsApp. Telegram. Mail. Zig Kanäle.
Und das bedeutet auch: Viele schreiben mir.
Manchmal fühlt sich das an wie ein Pfarramt ohne Kirche. Menschen erzählen mir Dinge, die sie sonst niemandem erzählen. Lebensgeschichten. Brüche. Schuld. Sehnsucht.
Vielleicht, weil es leichter ist, einem Bildschirm zu schreiben als einem Menschen ins Gesicht zu sehen.
Und weil Anonymität Räume öffnet, in denen plötzlich alles gesagt wird.
Ich bekomme Einblicke in Leben, die ich sonst nie sehen würde. Und manchmal auch Dinge, die ich nie sehen wollte. Nachrichten, die Grenzen überschreiten. Bilder, die bleiben. Worte, die mir Angst gemacht haben. Worte, mit denen ich zur Polizei gegangen bin.
Und ich spreche darüber normalerweise nicht. Weil ich denen, die so etwas tun, keine Bühne geben will. Keine Aufmerksamkeit. Keine Macht.
Aber das bedeutet auch: Dass ich oft allein damit bin.
Allein vor meinem Bildschirm. Allein mit dem, was da reinkommt. Und gleichzeitig mit der Entscheidung, trotzdem weiterzumachen. Und ja… ich glaube, dass ich damit nicht ganz allein bin. Da ist jemand, der auch das sieht. Das hilft mir, nicht hart zu werden. Nicht wegzugehen, sondern hier zu bleiben. Zu schreiben. Zu tun, was ich liebe.
Das Verrückte daran ist die Beziehung.
Ihr kennt mich. Zumindest ein Stück.
Ihr lest meine Gedanken. Mein Herz.
Aber ich? Ich kenne euch oft gar nicht. Und trotzdem entsteht Nähe. Vertrauen. Und das gilt nicht nur für mich. Für viele, die ihr Leben online teilen.
Wir sind keine Marken. Keine perfekten Fassaden. Sondern Menschen.
Nicht besser. Nicht schlechter.
Mit Licht. Und Schatten.
Und manchmal denk ich: Vielleicht machen wir es uns zu einfach. Zu glauben, die „Guten“ sind automatisch gut. Die, die glauben. Aber so ist es nicht. Auch da, wo wir uns sicher fühlen, gibt es Risse. Auch da, wo von Liebe die Rede ist, kann Dunkelheit sein. Nicht immer laut. Nicht immer sichtbar. Aber da.
Und genau deshalb geht es nicht um „die anderen“. Sondern um uns alle.
Die Abgründe sind real. Nicht irgendwo. Sondern mitten unter uns.
In dem, was Menschen tun, wenn sie glauben, dass sie niemand sieht.
Aber ich sehe auch das andere.
Ehrlichkeit. Kampf. Neuanfänge. Freundschaften. Echte Verbindungen. Mitten im Digitalen.
Ich erlebe beides. Seit Jahren.
Und vielleicht ist genau das die Frage: Wer sind wir, wenn uns keiner sieht?
Ich hab keine perfekte Antwort. Aber ich glaube: Dass es Wege gibt. Dass Veränderung möglich ist. Dass man nicht im Dunkeln bleiben muss. Und dass das Verborgene nicht egal ist.
Und vielleicht schreibe ich das heute genau deshalb: Nicht, um Angst zu machen. Sondern um zu erinnern. Dass es einen Unterschied macht, wie wir denken. wie wir schreiben. wie wir handeln.
Gerade dann, wenn wir glauben, es sieht niemand.
Ich will Teil von dem sein, was Licht reinbringt.
Und wenn ich ehrlich bin: Bei all dem überwiegt das Gute.
Und vielleicht lohnt es sich genau deshalb, hinzusehen. Und zu entscheiden, wer wir sein wollen.
Ich hoffe, Du nimmst diese Worte nicht falsch auf. Es sind einfach Gedanken, die mir gerade durch den Kopf gehen. Vielleicht ein bisschen ungeordnet. Aber sie wollten raus. Und vielleicht sollten sie das auch.
Ich wünsch Euch ein friedliches Wochenende.
Bleibt wachsam.
Und bleibt menschlich.
Mandy
