„Ich bin halt so.“
„Ich bin halt so.“
Ein Satz, der manchmal ganz harmlos klingt.
Ich bin eben chaotisch.
Ich kann nicht vor Menschen reden.
Ich bin nicht besonders mutig.
Ich war schon immer so.
Das liegt an meiner Vergangenheit.
Und manchmal gibt es dafür sehr gute Gründe.
Heute haben wir für vieles Worte, die Menschen früher vielleicht nie hatten.
Depression.
ADHS.
Trauma.
Angststörung.
Bindungsmuster.
Hochsensibilität.
Und ich finde das erst einmal gut.
Weil ein Name entlasten kann.
Plötzlich versteht man Zusammenhänge. Warum manches schwerer ist. Warum man auf bestimmte Dinge reagiert, wie man reagiert. Warum man nicht einfach „funktioniert“, obwohl andere das scheinbar mühelos schaffen.
Manchmal ist eine Diagnose kein Stempel, sondern endlich eine Erklärung.
Und vielleicht sogar Erleichterung.
Endlich bin ich nicht einfach nur schwierig.
Nicht faul. Nicht empfindlich.
Nicht falsch.
Da ist etwas.
Es hat einen Namen.
Und ich darf anfangen, mich selbst ein bisschen besser zu verstehen.
Aber ich frage mich, ob genau darin manchmal auch eine kleine Gefahr liegt.
Nicht einmal absichtlich.
Wir lesen etwas.
Sehen ein Video.
Machen einen Test.
Erkennen uns wieder.
Und plötzlich ergibt vieles Sinn.
Nur wird aus „Das erklärt etwas über mich“
manchmal ziemlich leise:
„Deshalb kann ich das nicht.“
Aus einer Erklärung wird eine Grenze.
Aus „Das fällt mir schwer“ wird „Das geht bei mir nicht.“
Und irgendwann sagen wir nicht mehr:
Ich habe Angst.
Sondern:
Ich bin ängstlich.
Nicht:
Ich kämpfe mit Depressionen.
Sondern:
So bin ich eben.
Nicht:
Das hat mich geprägt.
Sondern:
Das bin ich.
Vielleicht ist genau da der Punkt, an dem wir vorsichtig werden sollten.
Nicht, weil psychische Erkrankungen eingebildet wären.
Ganz im Gegenteil.
Eine Depression verschwindet nicht durch positives Denken.
Eine Angststörung nicht durch einen Kalenderspruch.
Trauma heilt nicht, weil jemand sagt: „Du musst nur wollen.“
Manche Dinge brauchen Zeit.
Hilfe. Therapie. Medikamente.
Geduld.
Manche Grenzen sind sehr real.
Aber vielleicht sind Grenzen und Identität trotzdem nicht dasselbe.
Vielleicht darf ich sagen: Das gehört zu meiner Geschichte.
Ohne daraus machen zu müssen: Das bin ich.
Vielleicht darf ich anerkennen, was mir passiert ist, was mich geprägt hat, was bis heute in mir nachwirkt.
Ohne mein ganzes Morgen daran festzubinden.
Denn meine Geschichte erklärt vielleicht vieles.
Aber sie muss nicht schon heute erzählen, wie sie morgen weitergeht.
Mich erinnert das an Gideon.
Als Gott ihm begegnet, sieht Gideon selbst vor allem das, was gegen ihn spricht.
Seine Familie zählt nicht zu den Bedeutenden.
Und auch sich selbst sieht Gideon eher klein.
Er kennt seine Grenzen. Seine Zweifel.
All die Gründe, warum ausgerechnet er nicht der Richtige sein kann.
Und ausgerechnet zu ihm sagt Gott:
„Der HERR ist mit dir, du tapferer Held.“
Richter 6,12
Ich mag diese Szene.
Weil Gideon in diesem Moment überhaupt nicht wie ein tapferer Held wirkt.
Ich mein … vielleicht sieht Gott manchmal mehr in einem Menschen.
Auch in Dir.
Mehr, als Du gerade selbst sehen kannst.
Nicht, weil Deine Angst plötzlich weg wäre.
Nicht, weil Deine Geschichte keine Rolle mehr spielt.
Nicht, weil Narben einfach verschwinden.
Sondern vielleicht, weil Du nicht nur aus dem bestehst, was Dir schwerfällt.
Nicht nur aus dem, was Dich geprägt hat.
Nicht nur aus dem, was Du über Dich glaubst.
Nicht nur aus den Grenzen, die Du gerade spürst.
Vielleicht sieht Gott in Dir nicht nur das, was heute ist.
Vielleicht sieht er auch das, was noch werden darf.
Und vielleicht braucht Veränderung manchmal gar keinen großen Aufbruch.
Vielleicht beginnt sie viel leiser.
Mit einem kleinen Zweifel an einem alten Satz.
Vielleicht beschreibt „Ich bin halt so“ nur, wie es bisher war.
Und vielleicht ist noch längst nicht alles über Dich gesagt.
