Früher war das kein Thema.
Diesen Satz hört man erstaunlich oft.
Bei psychischen Erkrankungen. Bei Erziehung. Bei Gewalt in Beziehungen. Bei ADHS oder Autismus. Bei Sexualität und Geschlechtsidentität. Bei Einsamkeit. Rassismus. Überforderung. Wechseljahren. Trauer. Missbrauch.
„Früher hat man daraus nicht so ein Ding gemacht.“
Stimmt vielleicht sogar.
Jede Zeit hat ihre Themen. Dinge, über die plötzlich überall gesprochen wird. In Zeitungen, Podcasts, Schulen, Familien, Kirchen und natürlich im Internet.
Und irgendwann fällt dieses Wort:
Zeitgeist.
Das ist eben der Zeitgeist.
Manchmal klingt es fast wie eine Diagnose. Als könnte man damit ein Thema abhaken. Heute beschäftigt man sich eben damit, morgen treibt man die nächste Sau durchs Dorf.
Es gab Zeiten, in denen plötzlich jeder über Waldsterben sprach. Andere, in denen die Angst vor Atomkrieg über allem hing. Es gab Debatten über Scheidung, Frauenrechte, Kindererziehung, Aids, Umweltschutz, Burnout, Digitalisierung und heute eben über andere Dinge.
Manches verschwindet wieder. Manches verändert sich. Manches war tatsächlich übertrieben.
Aber manches, was wir heute „Zeitgeist“ nennen, ist vielleicht einfach etwas, das endlich eine Stimme bekommen hat.
Denn ein Thema wird nicht unbedingt größer, nur weil wir mehr darüber sprechen.
Manchmal wird es einfach sichtbarer.
Depressionen wurden nicht mit Instagram erfunden. Gewalt in Familien begann nicht mit den ersten Frauenhäusern. Menschen, die sich in ihrem Geschlecht fremd fühlten, tauchten nicht plötzlich auf, als wir Worte dafür fanden. Und Kinder, deren Köpfe anders funktionierten, saßen schon in Schulklassen, als niemand ADHS sagte.
Sie hießen dann vielleicht faul. Schwierig. Komisch. Empfindlich. Ungezogen. Verrückt.
Oder man sprach eben gar nicht darüber.
Und genau das finde ich interessant:
Stille ist nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass alles in Ordnung ist.
Manchmal bedeutet Stille einfach, dass etwas noch keine Sprache hat.
Oder dass jemand gelernt hat, besser nichts zu sagen.
Vielleicht müssen manche Themen deshalb eine Weile ziemlich laut werden.
Vielleicht wird dabei auch übertrieben. Vielleicht entstehen Schubladen. Vielleicht wird aus einer wichtigen Frage irgendwann ein Trend, aus einem Begriff ein Etikett und aus einem Gespräch ein Kampf.
Auch das gehört zum Zeitgeist.
Aber vielleicht ist Zeitgeist eben nicht nur etwas, vor dem man sich hüten muss.
Vielleicht zeigt er auch, wo eine Gesellschaft gerade hinschaut.
Und manchmal schaut sie zum ersten Mal dorthin, wo sie verdammt lange weggesehen hat.
Denn wenn einer anfängt zu reden, erkennt sich manchmal irgendwo ein anderer wieder.
Ach. Dafür gibt es ein Wort.
Ach. Andere kennen das auch.
Ach. Darüber darf man sprechen.
Und plötzlich traut sich jemand aus einer Stille heraus, in der er vielleicht schon sehr lange sitzt.
In der Bibel passiert das erstaunlich oft. Jesus begegnet Menschen, über die längst geurteilt wurde. Kranken. Ausgestoßenen. Frauen mit Geschichten, über die man besser nicht sprach. Menschen am Rand.
In Johannes 9 begegnet er einem Mann, der von Geburt an blind ist. Seine Jünger sehen ihn – und ihre erste Frage handelt nicht von ihm als Menschen, sondern davon, wie sein Zustand zu erklären ist:
„Wer hat gesündigt – er selbst oder seine Eltern?“
Mich erinnert das verdammt an heute.
Kaum wird etwas sichtbar, beginnen die Diskussionen.
Woher kommt das?
Wer ist schuld?
Ist das normal?
Ist das richtig?
Darf das sein?
Und irgendwo zwischen all den Meinungen steht noch immer ein Mensch.
Vielleicht ist das die Frage, die ich mir beim sogenannten Zeitgeist öfter stellen möchte:
Nicht nur:
Warum wird darüber plötzlich so viel geredet?
Sondern auch:
Wer konnte darüber früher nicht reden?
Denn vielleicht war früher manches tatsächlich stiller.
Nur sagt die Stille einer Zeit erstaunlich wenig darüber aus, wie es den Menschen darin ging. ❤️
Segenregen.
Schönes Wochenende und vielen Dank, dass Du diese Woche hier mitgelesen hast.
Mandy

4. September 2026 @ 5:53
Die Kinder hießen zu meiner Zeit Zappelphilipp 🥰
4. September 2026 @ 8:01
Ja, oder waren einfach nur schlecht erzogen
4. September 2026 @ 7:57
Meiner Meinung nach gab es zu DDR-Zeiten viele Tabuthemen – dazu gehörten Kriminalität, psychische Erkrankungen, Behinderungen und noch mehr. Kann mich jedenfalls nicht daran erinnern als Kind einen Rollstuhl in der Stadt gesehen zu haben. Für Betroffene ist das Nichtdarüberreden können das Schlimmste.
4. September 2026 @ 10:10
Ja, Cornelia, das ist ein gutes Beispiel dafür, dass „früher hat man davon kaum etwas mitbekommen“ eben nicht automatisch bedeutet, dass es das kaum gab. ❤️ Dein Beispiel mit dem Rollstuhl finde ich besonders eindrücklich. Menschen verschwinden ja nicht, nur weil sie im öffentlichen Leben kaum sichtbar sind oder über ihre Themen nicht gesprochen wird. Und wahrscheinlich ist genau das der Unterschied: Etwas kann gesellschaftlich still sein und für den einzelnen Menschen trotzdem verdammt laut. 🫶
4. September 2026 @ 8:41
.. und dann ist es aber einfach auch sehr praktisch, wenn man seine Schublade gefundenhat. „Ich bin halt neurodivers“ = Ich kann nicht anders, als andere Menschen auf die Nerven gehen, die müssen darauf Rücksicht nehmen, wie ich bin. Für echte Betroffene ist es eine große Hilfe, endlich eine Stimme zu haben, sichtbar zu werden und hoffentlich Empathie, Verständnis und Hilfe zu bekommen. Gar keine Frage!
Aber ich habe den Eindruck, es ist auch
Zeitgeist, dass man Schubladen überfüllt und SO den Menschen auch nicht wahrnimmt, sondern nur abstempelt. Oder aufhört, an sich oder dem Kind zu arbeiten!!!
Mittlerweile gibt es kaum noch Menschen, die nicht neurodivers sind. Was soll das eigentlich überhaupt sein? Sind nicht alle Menschen irgendwie „divers“? Individuell?
Dem Unsichtbaren eine Stimme geben, da bin ich in jedem Fall dafür (und familiär auch betroffen), aber das sollte nicht zu noch mehr Rücksichtslosigkeit und Egoismus führen.
Als meine Kinder klein waren, habe ich oft von anderen Müttern gehört: „Ich habe halt einen Jungen, die sind halt aggressiv, der hat gerade einen Testosteronschub.“ – und schon muss man sich als Eltern nicht mehr mit Erziehung auseinandersetzen. „Ich habe Legasthenie, ich kann halt nicht richtig schreiben“ – auch irgendwie praktisch. Ich bin „Autist“, ich nehme keine Rücksicht auf andere….aber alle anderen sollen auf mich Rücksicht nehmen. „Ich kann (oder will?) mich nicht in der Gesellschaft integrieren, aber die Vorteile nehme ich natürlich mit.
Vielleicht hat Stille jetzt einen Namen, aber weiß man nun, wie es den Leuten geht? Hat man durch Benennung mehr Interesse am Mitmenschen oder ist es vielleicht auch nur Zeitgeist, Namen zu finden, damit man sich nicht mehr weiter mit etwas auseinandersetzen muss?
4. September 2026 @ 10:05
Ich glaube, genau da liegt die Schwierigkeit. Ein Begriff kann unglaublich entlastend sein – endlich zu verstehen, warum manches schwerer fällt, warum man anders reagiert oder warum ein Kind an bestimmten Dingen immer wieder scheitert. Aber ein Begriff kann natürlich auch zur Schublade werden. Und eine Erklärung ist nicht automatisch ein Freifahrtschein für jedes Verhalten.
Bei Deinem Satz, mittlerweile sei fast jeder neurodivers, musste ich allerdings kurz hängenbleiben. 🙂 Denn ja, natürlich sind alle Menschen unterschiedlich – aber damit ist nicht gemeint, dass deshalb jeder neurodivergent ist. Sonst würde der Begriff tatsächlich irgendwann nichts mehr beschreiben. Gleichzeitig werden solche Begriffe heute viel häufiger benutzt und teilweise auch ziemlich weit gefasst. Das kann durchaus den Eindruck erzeugen: Hat jetzt eigentlich jeder irgendwas?
Bei Deinen Beispielen würde ich trotzdem aufpassen. Ein Mensch mit Autismus nimmt ja nicht automatisch keine Rücksicht, genauso wenig bedeutet Legasthenie: „Ich hab keine Lust, richtig schreiben zu lernen.“ Manche Schwierigkeiten lassen sich tatsächlich nicht einfach durch mehr Anstrengung oder Erziehung wegtrainieren. Rücksicht funktioniert für mich deshalb auch nicht nur in eine Richtung.
Vielleicht ist genau das die nächste Aufgabe nach dem Sichtbarwerden: Erst bekommt etwas einen Namen. Und dann müssen wir lernen, den Menschen hinter diesem Namen wieder zu sehen. Mit seinen Grenzen, aber eben auch mit seiner Verantwortung. Ohne aus allem eine Ausrede zu machen – und genauso ohne aus „Du könntest, wenn Du nur wolltest“ die nächste Schublade zu bauen.
Und Deine letzte Frage finde ich tatsächlich spannend: Mehr Begriffe bedeuten noch lange nicht automatisch mehr echtes Interesse am Menschen. Vielleicht ist Benennen wirklich nur der erste Schritt. ❤️
4. September 2026 @ 8:47
Das war eine supertolle Themenwoche!
Vielen Dank!!!
4. September 2026 @ 10:06
Danke. Auch wenns ne freie Themenwoche war – manchmal hängen die Themen ja doch irgendwie zusammen 😉
4. September 2026 @ 9:09
Du hast es wunderbar auf den Punkt gebracht! Genau meine Denke
4. September 2026 @ 11:14
Meiner Meinung nach hat das etwas mit den Bedürfnissen zu tun. Siehe Bedürfnipyramide nach Maslow. Ich bin Jahrgang 1942. Damals hat niemand von Burnout gesprochen. Jeder war irgendwie traumatisiert. Aber der Hunger war schlimmer. Uns gehts heute verdammt gut. Aber irgendwie scheint das jeder als Selbstverständlichkeit anzusehen…..dafür muss man auch nicht dankbar sein….das steht uns doch selbstverstöndlich zu….
Und Nabelschau ist heute auch sehr verbreitet.
4. September 2026 @ 12:34
Ja, Beate, mit den Bedürfnissen ist sicher etwas dran. Wenn Hunger, Sicherheit oder schlicht das Überleben den Alltag bestimmen, bleibt vermutlich wenig Raum, sich mit dem eigenen Innenleben auseinanderzusetzen.
Dass wir heute vieles als selbstverständlich ansehen und dafür nicht mehr dankbar sind, nehme ich allerdings etwas anders wahr. Vielleicht hängt das auch davon ab, in welchem Umfeld man sich bewegt. Ich kenne viele Menschen, die ihr Leben sehr zu schätzen wissen – gerade weil sie auch ganz andere Zeiten erlebt haben. ❤️
Meine eigene Kindheit war ziemlich heftig und auch später gab es harte Zeiten. Wenn ich mein Leben heute dagegenhalte, lebe ich – wenn ich das mal so sagen darf – fast im Paradies. 😅 Natürlich ist nicht alles perfekt. Aber ich kenne den Unterschied. Und daraus ist bei mir eine tiefe Dankbarkeit geblieben.
Das Wort „Nabelschau“ kannte ich übrigens gar nicht und musste tatsächlich erst einmal nachschauen, was genau damit gemeint ist. Wieder was gelernt. 😊 Dass die stärkere Beschäftigung mit sich selbst manchmal auch überhandnehmen kann, sehe ich durchaus. Gleichzeitig finde ich es wertvoll, dass heute mehr Menschen die Möglichkeit haben, nicht nur zu funktionieren, sondern auch zu fragen: Wie geht es mir eigentlich?
Danke auch für Deinen Blick aus einer Generation, die ganz andere Zeiten erlebt hat. Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute und noch viele gute Jahre. ❤️🫶
4. September 2026 @ 18:29
Das schlimme ist, dass (die) „Probleme“ zu stark und überproportional in den Vordergrund gerückt werden und in Folge die „Normalität“ darunter leidet… Nichts gegen „Randgruppen“ – im Gegenteil. Aber man sieht es u.a. auch in der Politik: „Rand-Probleme“ werden priorisiert und die eigentlichen/ wichtigen Themen werden vernachlässigt, bzw. fallen hinten runter…
4. September 2026 @ 19:52
Hey Maximilian, wer entscheidet eigentlich, was ein wichtiges Thema und was nur ein „Rand-Problem“ ist? Für jemanden, der davon unmittelbar betroffen ist, findet sein Problem ja nicht irgendwo am gesellschaftlichen Rand statt, sondern mitten in seinem Leben.
Vielleicht ist genau das eine Schwierigkeit beim Zeitgeist: Aufmerksamkeit ist nicht immer proportional dazu verteilt, wie viele Menschen etwas betrifft. Manchmal bekommen weniger sichtbare Gruppen sehr viel Aufmerksamkeit – manchmal aber auch deshalb, weil sie vorher jahrzehntelang fast gar keine hatten.
Ich glaube deshalb nicht, dass die „Normalität“ darunter leiden muss, wenn Randgruppen sichtbarer werden. Spannender finde ich die Frage, ob es uns gelingt, ihren Anliegen Raum zu geben, ohne andere wichtige Probleme aus dem Blick zu verlieren. Das eine müsste das andere eigentlich nicht kleiner machen. ❤️