Als Jakob mit Gott kämpfte

Hey, guten Morgen 😊

Heute, zum Freitag, traue ich uns mal eine etwas seltsame Geschichte aus der Bibel zu, an der ich hängen geblieben bin.

Ich sage es lieber gleich: Ich verstehe darin längst nicht alles. Aber ich versuche es mal.

Da kämpft ein Mann mitten in der Nacht mit Gott.

Nicht in Gedanken. Nicht im Gebet.
Sondern so richtig. Körperlich.

Damit das Ganze irgendwie Sinn ergibt, muss ich etwas früher anfangen.

Der Mann, um den es geht, heißt Jakob. Und zwischen ihm und seinem Bruder Esau ist noch eine Rechnung offen.

Viele Jahre zuvor hatte Jakob seinen fast blinden Vater getäuscht. Er gab sich als Esau aus und erschlich sich den väterlichen Segen, der eigentlich seinem Bruder zustand. Die Geschichte kannst Du in 1. Mose 27,1–40 nachlesen.

So ein Segen war damals mehr als ein freundlicher Wunsch. Es ging um Zukunft, Wohlstand und die Stellung innerhalb der Familie.

Jakob nahm seinem Bruder etwas, das sich nicht einfach zurückgeben ließ.

Dann floh er.

Weit weg.

Viele Jahre arbeitete er als Hirte und Viehzüchter, gründete eine Familie und wurde wohlhabend.

Nur: Manche Rechnungen verschwinden nicht.
Auch nicht, wenn viel Zeit vergangen ist.

Irgendwann macht Jakob sich auf den Heimweg. Unterwegs erfährt er, dass Esau ihm entgegenkommt.

Mit vierhundert Männern.

Das klingt nicht unbedingt nach einem gemütlichen Familientreffen mit Kaffee und Kuchen. 😬

Vielleicht hat Esau ihm vergeben.

Vielleicht kommt er, um die alte Rechnung zu begleichen.

Jakob bekommt Todesangst. Er schickt Geschenke voraus, bringt seine Familie über den Fluss und bleibt allein zurück.

Allein mit der Nacht.

Mit seiner Schuld.

Und mit einer Vergangenheit, die offenbar weiß, wo sie ihn findet.

Dann steht da plötzlich ein Mann.

Woher er kommt? Keine Ahnung. Die Bibel erklärt es nicht.

Da steht nur: „Ein Mann kämpfte mit ihm bis zum Morgengrauen.“ 1. Mose 32,25

Stundenlang ringen die beiden miteinander. Erst später ist Jakob überzeugt: In diesem Kampf ist ihm Gott begegnet.

Kurz bevor die Sonne aufgeht, wird Jakob an der Hüfte verletzt. Doch er hält sich weiter an seinem Gegenüber fest:

„Ich lasse dich nicht los, bevor du mich gesegnet hast.“
1. Mose 32,27

Ausgerechnet Jakob bittet um Segen.

Der Mann, der sich einen Segen damals mit einer Lüge erschlichen hat.

Doch diesmal verkleidet er sich nicht. Er täuscht niemanden und nimmt niemandem etwas weg.

Der Fremde fragt ihn nach seinem Namen.

„Jakob“, sagt er.

Vielleicht ist das der ehrlichste Moment seines Lebens.
Diesmal gibt er nicht vor, Esau zu sein.

Er nennt seinen eigenen Namen.

Und damit irgendwie auch seine Geschichte.

Den Betrug.
Die Flucht.
Die Angst.

Gott begegnet nicht der Rolle, die Jakob spielt.
Sondern dem Menschen, der da in der Dunkelheit vor ihm steht.

Jakob bekommt einen neuen Namen: Israel.

Das bedeutet so ungefähr: einer, der mit Gott ringt.

Seine Vergangenheit wird dadurch nicht ausgelöscht. Aber sie muss auch nicht länger allein bestimmen, wer er für immer sein wird.

Dann geht die Sonne auf.

Jakob geht seinem Bruder entgegen.

Aber er hinkt.

Und genau dieses kleine Detail lässt mich nicht los.

Jakob geht gesegnet aus dieser Nacht.
Aber nicht unversehrt.

Er trägt nun beides: den Segen und die Verletzung.

Wir erzählen Segen gern wie eine Reparaturgeschichte. Als würde Gott alles geraderücken, jeden Schmerz wegnehmen und aus Narben glatte Haut machen.

Aber vielleicht sieht ein gesegnetes Leben manchmal anders aus.

Vielleicht kann ein Mensch Gott begegnet sein und trotzdem etwas tragen, das bei jedem Schritt zu spüren ist.

Manches hätte niemals geschehen dürfen.
Manches bleibt schmerzhaft und ungerecht.

Wir leben nicht im Paradies.

Und ich glaube: Eine Wunde ist kein Beweis dafür, dass Gott einen Menschen nicht gesegnet hat.

Vielleicht besteht Segen manchmal nicht darin, unversehrt davonzukommen.
Vielleicht eher darin, überhaupt wieder einen Schritt zu wagen.

Der Vergangenheit entgegen. Der offenen Rechnung entgegen.

Anders als vorher.

Langsamer vielleicht.

Nicht heil.
Nicht fertig.
Aber auch nicht mehr derselbe Mensch.

Die Sonne geht auf.

Und Jakob geht ihr entgegen.

Gesegnet.

Und trotzdem hinkend.

Ach ja – falls Du Dich fragst, wie das mit Bruderherz und seinen vierhundert Kollegen ausgegangen ist: Esau rennt auf Jakob zu. Aber nicht, um ihn zu verprügeln.

Er fällt ihm um den Hals, küsst ihn – und beide weinen.

Die vierhundert Männer mussten glücklicherweise nicht ran. Die alte Rechnung wird nicht mit Gewalt beglichen, sondern mit einer Umarmung. (1. Mose 33,4)

Jakob hatte damit gerechnet, dass ihm seine Vergangenheit entgegenkommt.

Stattdessen kommt sein Bruder.

Mit offenen Armen.

So, jetzt komm Du mal gut übers Wochenende! 

Bis Montag. 👋
Mandy