Seht die Vögel – und die Illusion der Kontrolle
Ich mag es, Dinge im Griff zu haben.
Nicht im Sinne von „alles bestimmen“. Aber vorbereitet sein. Wissen, was kommt. Lösungen parat haben.
Ich plane. Ich denke durch. Ich sichere ab.
Und dann sitze ich plötzlich in einem Wartezimmer und merke: Ich habe hier gar nichts im Griff.
Die Minuten ziehen sich. Der Blick geht immer wieder aufs Handy.
Man googelt Symptome, obwohl man es besser weiß.
Man spielt Szenarien durch. Gute. Schlechte. Katastrophale.
Und innerlich versucht etwas in mir verzweifelt, Kontrolle herzustellen.
„Wenn ich genug darüber nachdenke, wird es berechenbar.“
„Wenn ich ruhig bleibe, bleibt alles stabil.“
„Wenn ich stark bin, passiert nichts.“
Aber das stimmt nicht.
Ich kann vieles beeinflussen. Aber nicht alles verhindern.
Ich kann mich kümmern. Aber ich kann nicht garantieren.
Und genau da beginnt diese unangenehme Erkenntnis: Kontrolle war nie wirklich da. Sie hat sich nur so angefühlt.
Jesus sagt in Matthäus 6, 27: „Wer von euch kann dadurch, dass er sich Sorgen macht, sein Leben auch nur um eine einzige Stunde verlängern?“
Wenn ich ehrlich bin, fühlt sich dieser Satz erstmal fast hart an. Als würde er meine innere Anspannung nicht ernst nehmen.
Aber Jesus sagt das nicht zu Menschen, die gemütlich auf der Couch sitzen. Er sagt es zu Menschen, die unter römischer Besatzung leben. Zu Menschen ohne soziale Absicherung. Zu Menschen, die wirklich nicht wussten, wie morgen aussieht.
Und genau denen sagt er: Eure Sorge gibt euch keine Kontrolle zurück.
Er verweist auf die Vögel. Auf die Lilien.
Nicht romantisch. Nicht kitschig. Sondern radikal.
Sie haben keinen Vorratsplan. Keine Rücklagen. Keine Garantie.
Und doch sind sie versorgt.
Das heißt nicht, dass sie nie sterben.
Nicht, dass nichts passiert.
Nicht, dass alles immer gut ausgeht.
Sondern dass ihr Leben nicht im luftleeren Raum hängt.
Vielleicht ist das der Punkt.
Sorge ist der Versuch, die Zukunft in die Gegenwart zu zerren.
Vertrauen ist die Entscheidung, im Heute zu bleiben – und Gott das Morgen zu überlassen.
Jesus sagt nicht: „Es wird nichts passieren.“ Er sagt auch nicht: „Stell Dich nicht so an.“
Er fragt: Was bringt Dir Deine Sorge wirklich?
Und wenn ich ganz ehrlich bin: Sie bringt mir kein Mehr an Sicherheit. Nur ein Weniger an Frieden.
Vertrauen fühlt sich schwächer an. Weil ich loslasse, statt festzuhalten.
Vertrauen heißt nicht: „Es wird schon alles gut.“
Vertrauen heißt: „Auch wenn es anders kommt, als ich hoffe – ich falle nicht ins Nichts.“
Ich weiß nicht, was morgen kommt.
Ich weiß nicht, ob meine Pläne aufgehen.
Ich weiß nicht, ob Menschen bleiben.
Ich weiß nicht, ob Körper immer funktionieren.
Aber ich glaube, dass ich gehalten bin.
Nicht von meiner Planung. Nicht von meiner Stärke.
Sondern von Gott.
Vielleicht ist geistliche Reife nicht, alles im Griff zu haben. Sondern zu lernen, die Hände zu öffnen. Und zu sagen:
Ich kann nicht alles kontrollieren. Aber ich bin nicht unkontrolliert unterwegs.
Ich bin gehalten.
