Menschen mit Geschichte
Manche Fehler lassen sich nicht verstecken. Sie stehen plötzlich im Raum.
B u m m Wie ein Name, der fortan immer mit einem Zusatz gedacht wird.
„Ach, das ist doch der, der …“
… seine Frau betrogen hat.
… Geld veruntreut hat.
… die Nerven verloren hat.
… öffentlich gescheitert ist.
Der Fehler wird zur Überschrift.
Und alles andere – das Gute, das Gewachsene, das Menschliche – rutscht in den Hintergrund.
Wenn Fehler nicht verborgen blieben, wie das meistens so ist, und Schuld offen daläge, dann würden sich die Kirchenbänke lichten – und so mancher Heiligenschein verrutschen. Denn Hand aufs Herz: Wer würde noch kommen, wenn klar wäre, dass hier nicht die Angepassten sitzen, sondern die Gescheiterten?
Nicht die, die alles im Griff haben, sondern die, bei denen es sichtbar schiefgelaufen ist.
Jesus hat genau dort Platz genommen. Nicht bei denen mit makellosem Ruf, sondern bei denen, über die man tuschelte. Zöllner. Ehebrecherinnen. Versager. Menschen mit Geschichte – und mit Schuld.
„Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“ – Matthäus 9,12
Manchmal denke ich, die Kirchen wären voller, wenn wir ehrlicher wären. Wenn Fehler kein Ausschlusskriterium mehr wären, sondern der Punkt, an dem Gnade überhaupt erst Sinn macht.
Wenn jemand nur noch auf seinen Fehltritt reduziert wird – sehen wir dann wirklich den Menschen? Oder nur unsere Angst, selbst einmal so dazustehen?
Vielleicht ist genau das der wunde Punkt. Dass wir Angst haben, nicht mehr nur gesehen zu werden, sondern durch etwas hindurch, das wir am liebsten vergessen würden.
Denn sichtbare Schuld macht verletzlich. Sie nimmt uns die Kontrolle über das Bild, das andere sich von uns machen.
Und plötzlich entscheiden nicht mehr wir, welche Geschichte über uns erzählt wird.
Dabei sind wir doch alle mehr als der schlimmste Moment unseres Lebens. Mehr als eine Entscheidung. Mehr als ein Versagen. Mehr als das, was hängen geblieben ist.
Gnade beginnt genau dort, wo wir aufhören, Menschen festzuschreiben. Wo wir ihnen zutrauen, mehr zu sein als ihre Vergangenheit. Wo wir glauben, dass Veränderung möglich ist – nicht aus eigener Stärke, sondern weil Gott Menschen nicht aufgibt.
Vielleicht ist Kirche genau dafür da. Nicht als Ausstellung gelungener Leben, sondern als Raum für Brüche. Für Menschen, die sich nicht schönreden können. Und trotzdem kommen. Oder gerade deshalb.
Und vielleicht – ganz leise – ist es ein Akt der Barmherzigkeit, nicht immer sofort zu wissen, was jemand falsch gemacht hat. Sondern erst einmal zu sehen, dass da ein Mensch sitzt. Mit Sehnsucht. Mit Hoffnung. Und dem Mut, trotzdem da zu sein.
Denn am Ende stehen wir alle auf derselben Seite. Nicht als Richtende, sondern als Bedürftige.
Mit Geschichten, die wir lieber verschweigen würden.
Mit Momenten, die wir nicht wiederholen wollen.
Und mit der Hoffnung, dass Gott uns nicht auf das festlegt, was sichtbar schiefgelaufen ist.
Sondern auf das, was er in uns sieht.
Auf Gnade angewiesen.
Unendlich.
Bis morgen beim SeelenFutter!
Deine Mandy
