„Mir wird nichts mangeln.“ Und wenn doch?
Es gibt Sätze, die klingen echt nett. Solange man nicht genauer drüber nachdenkt.
Dass alles gut wird, zum Beispiel. Dass wir uns keine Sorgen machen müssen. Dass für uns gesorgt ist und es uns an nichts fehlen wird.
Aber … Ich mein … wirklich? 🤔
Erzähl das mal einem Menschen, der gerade jemanden verloren hat. Der morgens aufwacht und für einen kurzen Moment vergisst, dass die andere Betthälfte leer bleiben wird.
Oder jemandem, der seine Rechnungen dreimal durchrechnet und beim dritten Mal leider auch nicht reicher ist.
Erzähl es der Frau, die seit Wochen auf eine Diagnose wartet. Dem Vater, der sich Sorgen um sein Kind macht. Oder dem Menschen, der nach außen immer so fröhlich wirkt und abends trotzdem nicht weiß, wohin mit seiner Traurigkeit.
Uns fehlt doch ständig irgendwas!
Manchmal ist es kaum der Rede wert. Und manchmal ist es so viel, dass wir kaum wissen, wie wir damit klarkommen sollen. Oder wohl eher: wie wir ohne klarkommen sollen.
Und dann kommen diese schönen Sätze daher, als wäre das alles halb so wild.
Besonders leicht gehen sie über die Lippen, wenn es gerade nicht das eigene Leben ist, das auseinanderfällt.
„Mach Dir keine Sorgen.“
„Hab Vertrauen.“
„Wird schon alles gut werden.“
Ja, danke. Und falls noch jemand einen Tipp hat, wie man nachts um drei das Gedankenkarussell abstellt: Immer her damit. 🙄
Vielleicht sollten wir vorsichtiger sein mit Versprechen, die das Leben selbst so oft zu widerlegen scheint.
Denn manchmal wird eben nicht alles gut.
Manchmal bleibt ein Stuhl leer.
Manchmal kommt die erhoffte Antwort nicht.
Manchmal fehlt etwas. Und es fehlt verdammt doll.
Wer würde da ernsthaft behaupten, dass einem nichts mangelt?
Nun ja …
Ausgerechnet ein Mensch, der offenbar selbst wusste, wie sich Angst anfühlt. Der von Feinden sprach. Von dunklen Tälern. Von Wegen, auf denen man lieber nicht unterwegs wäre.
Und trotzdem beginnt sein Lied mit den Worten:
„Der HERR ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.“ (Psalm 23,1)
Kennst Du, oder?
Und dann geht es weiter:
„Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele.“ (Psalm 23,2–3)
Klingt vertraut. Und so friedlich. 🌿
Doch dann wird’s dunkel.
„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir.“ (Psalm 23,4)
Ist Dir das schon mal aufgefallen?
Eben war noch von ihm die Rede. Von Gott, über den jemand erzählt.
Und ausgerechnet im finsteren Tal wird aus dem „Er“ ein „Du“.
Plötzlich spricht da jemand nicht mehr über Gott, sondern mit ihm.
Und es wird noch spannender.
„Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“ (Psalm 23,5)
Moment mal.
Im Angesicht meiner Feinde?
Nicht nachdem sie verschwunden sind? Nicht erst, wenn endlich Ruhe und alles wieder schön und sicher ist?
Nein. Die Feinde sind offenbar noch da. Und trotzdem steht da ein gedeckter Tisch.
Skurril, oder?
Wir warten doch so oft darauf, dass erst alles in Ordnung kommt, bevor wir wieder aufatmen dürfen.
Erst die Sorgen loswerden. Erst die Probleme klären. Erst das dunkle Tal hinter uns lassen.
Und dann, irgendwann, darf das Leben wieder schön sein!
Aber was, wenn es manchmal beides gleichzeitig gibt?
Den Schmerz und einen Moment Geborgenheit. Die Angst und ein bisschen Mut. Die offenen Fragen und trotzdem einen Grund, heute Morgen aufzustehen.
Nicht weil plötzlich nichts mehr fehlt.
Sondern weil das, was fehlt, vielleicht nicht alles ist, was da ist.
Und dann ist da ja noch dieser erste Satz.
„Mir wird nichts mangeln.“
Ganz schön selbstbewusst, oder?
Vor allem für jemanden, der selbst von finsteren Tälern und Feinden erzählt.
Vielleicht ist das gar keine Behauptung, dass das Leben immer schön ist. Sondern Vertrauen, obwohl es das eben nicht immer ist.
Und mittendrin dieser gedeckte Tisch.
Ich muss bei diesem Bild irgendwie schmunzeln. Da sitzen die Probleme quasi noch mit am Tisch. Na, guten Appetit auch! 😉☕
Aber vielleicht kennen wir das ja sogar.
Dass man an einem richtig beschissenen Tag trotzdem plötzlich lachen muss. Dass man jemanden schmerzlich vermisst und sich gleichzeitig über eine schöne Erinnerung freut. Dass die Sorgen nicht verschwunden sind und der Kaffee trotzdem schmeckt.
Das eine macht das andere ja nicht ungeschehen.
Und vielleicht muss es das auch gar nicht.
Ich glaube, wir machen es uns manchmal schwer, weil wir denken, erst wenn alles wieder gut ist, dürfen wir uns auch gut fühlen.
Aber wer sagt das eigentlich?
Und dann denke ich noch mal an diesen kleinen Wechsel im Psalm.
Er. Er. Er.
Und plötzlich: Du.
Ausgerechnet dort, wo es dunkel wird.
Ob das bewusst so geschrieben wurde? Ich weiß es nicht.
Aber ich mag den Gedanken, dass man mitten im größten Durcheinander nicht unbedingt die richtigen Antworten braucht. Vielleicht nicht mal die richtigen Worte.
Manchmal reicht ja schon ein ziemlich verzweifeltes:
„Hallo? Bist Du eigentlich noch da?“
… ich mein nur. ❤️
Bis morgen.
Mandy
